Das Gespräch

"Wichtig ist, dass ich keine Angst vor Neuem habe"

Im Interview mit stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner spricht SPD-Politikerin Gesine Schwan über Bildung und Selbstverantwortung.

SPD-Politikerin Gesine Schwan im Gespräch mit stadtgottes.

Frau Schwan, sprechen wir über eines Ihrer Schlüsselthemen: Bildung.

Für mich ist es die Aufgabe, dass kleine Menschen vom ersten Monat an in die Lage versetzt werden, ihre Neugier, ihre Erfahrungs- und Wissensneugier mit Selbstsicherheit und Orientierung zu verbinden. Und damit in die Welt hinauszugehen. Es ist doch nicht die Frage, ob ich einen nigerianischen Autor kennen muss. Oder ob ich Manga Comics lese. Wichtig ist, dass ich gern lese, mich mit der Welt verbinde und keine Angst vor Neuem habe. Nur dann kann ich verstehen und fragen oder hinterfragen.

 

Dafür haben wir unser Bildungssystem aber viel zu sehr aufgesplittert und uns auf formatiertes Denken eingelassen.

Eine große Gefahr! Das hängt aber damit zusammen, dass wir uns im Zuge der Marktradikalität und des Neoliberalismus auf eine Bildungsreform eingelassen haben, die Employability in den Vordergrund gestellt hat. Will sagen: Der Student muss später auch beruflich verwendbar sein. So wurde eigentlich so ziemlich alles weggedrängt, was gegen den Strom schwamm, was nicht eingeordnet werden konnte oder kein marktrelevantes Ergebnis zutage brachte.

 

Das wird aber ein langer Weg, weg von der ausschließlichen Marktorientierung zu neuem Denken.

Natürlich. Die Marktsteuerung ist das Grundproblem. Heute sind die Themen und Anforderungen so kleinteilig spezialisiert und diversifiziert. Das bringt Probleme mit sich, die oft zu karikaturhaften Situationen führen.

 

Wieso?

Ein Beispiel: Eine Universität schreibt eine Professorenstelle aus. Darauf bekommt sie so viele Bewerbungen, dass keine Berufungskommission sie durcharbeiten kann. Also wurden längst mittels künstlicher Intelligenz Algorithmen entwickelt, die eine Vorauswahl treffen. Durch bestimmte Stichwörter. Danach bleiben nur noch 30 Bewerber übrig. Das ist ja schon ein Selektionsprozess, der scheinbar rational ist. In Wirklichkeit muss man sich aber fragen, ob diese Stichwörter tatsächlich ein Indiz für die gesuchte Qualität sind und die nötige Relevanz haben. Weiteres Problem: Die Programme und oft auch die ganzen Vorverfahren werden von marktorientierten Unternehmen gemacht. Welche Interessen vertreten die? Es kann also dazu kommen, dass jemand berufen wird, von dem kaum jemand etwas gelesen hat, der aber vielleicht hervorragend geeignet für den Markt ist...

Für mich gehören zu den Aufgaben von Wissenschaft und Universität die Fähigkeit und Bereitschaft zur Verständigung, was hohe kognitive Kompetenz, sich mit bestimmten Dingen auszukennen, verlangt. Sich verständlich zu machen, unter Experten und mit denen, die keine Spezialisten sind. Das klingt natürlich im gegenwärtigen Wissenschaftssystem völlig naiv. Das ist aber egal. Es macht mir großen Spaß, dies auch immer wieder zu provozieren und auch zu erläutern. Nach kurzer Zeit geben mir auch alle recht. Eigentlich ist es das. Durch Algorithmen allein sollte in der Wissenschaft niemand Karriere machen. Dafür sind der Verstand und eine emotional-ethische Haltung, was sehr anspruchsvoll ist, Grundbedingungen.

@Markus Nowak

Ein Problem ist doch, dass viele junge Studenten nur den Befehlen ihres Professors folgen, ohne das zu hinterfragen.

Dahinter steckt bestimmt eine Logik, aber das eigentliche Problem ist, dass die Kontexte ausgeblendet werden. Bei einer Fragestellung wird ausgegrenzt, alles rundherum weggelassen, um eine spezielle Sache zu betrachten. Wenn sie kein Gespür dafür haben, dass jedes Problem von unzähligen äußeren Einflüssen abhängig ist, und anders überhaupt keine sinnvolle Aussage getroffen werden kann, dann werden sie keine Lösung finden. Nur über Kontexte, kommen wir in die Nachbarbezirke und zu einem Ergebnis.

Wir müssen dafür sorgen, jungen Menschen dieses Kontextdenken wieder zu vermitteln.

 

Haben wir nicht seit den 70er-Jahren Selbstverantwortung verloren? Wir werden doch immer mehr nur noch gelenkt und gesteuert. Genauso, wie man es dem DDR-Regime vorgeworfen hat. Von der Wiege bis zur Bahre. Steuerung, Kontrolle. Ist es nicht heute genauso?

Im Sinne von stärkerer öffentlicher, allerdings nicht staatlicher Manipulation haben Sie recht. Nur ist das nicht das Gegenteil von Eigenverantwortung.

Die, die so für vollständige Eigenverantwortung plädierten, haben mit dazu beigetragen, dass gesellschaftliche, ökonomische und kulturelle Verhältnisse entstanden sind, die einen Teil der Verantwortung, nämlich für die Solidarität mit den Mitmenschen, und damit auch eine realistische Selbstreflexion über den eigenen Anteil an schlechten Verhältnissen, diskreditiert haben. 

Dass wir durch Reklame, kapitalistische Dynamiken und, und, und manipuliert werden, ist sicher richtig. Das ist ein Punkt, den Herbert Marcuse schon in den 1960er-Jahren unterstrichen hat. Aber, seine Totalisierung dieser Idee mache ich nicht mit. Alles, was auf systemische Totalisierung zielt, ist immer verdächtig. Es erschwert auch das Handeln und das Eingreifen. Aber es ist schon richtig, sich zu fragen: Wer hat die Oberhand? Der Markt oder die Politik?

 

Wer?

Im Moment droht der Markt die Oberhand zu gewinnen. Ohne Rücksicht auf soziale Komponenten. Aber glücklicherweise gibt es mittlerweile wieder Gegenwind. Vor dreißig Jahren gab es nicht so viele organisierte, bewusste, dynamische, phantasievolle Gegenkräfte aus der Zivilgesellschaft wie heute. Musterbeispiele dafür sind derzeit – und da geht es hart ans Existenzielle – die Widerstände gegen Missbrauch in der Wohnungspolitik. Eigentlich hätte die Politik schon vor Jahren erkennen können, was da auf uns zukommt. Im Gegenteil: Entschuldung der Kommunen durch Privatisierung hieß die Zauberformel. Viele soziale Aspekte gerieten aus dem Blick. Nach dem Motto: Der Markt wird es schon richten. Ein großer Fehler! Das schlägt jetzt massiv zurück.

Übrigens, gerade in der Wohnungsbaupolitik ist bis heute der ehemalige Oberbürgermeister von München, Jochen Vogel, aktiv. Mit 94 Jahren. Er hat sich in seiner aktiven Zeit gegen die Privatisierung von Wohnungen im Kommunalbesitz gewehrt und immer Wien als Beispiel genannt. Da ist es nämlich bis heute umgekehrt. Und es funktioniert. 

 

Glauben Sie, dass diese Uhr zurückzudrehen ist? 

Es gibt Rekommunalisierungen. In der Wohnungsbaupolitik werden Änderungen kommen müssen. Änderungen ausgerichtet am Gemeinwohl. Das ist Fortschritt. 

 

Was halten Sie von einer neuen Kompetenzverteilung?

Es kann doch nur im Interesse von Parteien und Regierungen sein, wenn sie durch Kompetenzabgabe mehr Aufgaben abgeben. So können sie selbst effektiver an die großen Fragen herangehen, national wie auch global. Nehmen wir mal an, Kommunen bekämen nicht nur in der Flüchtlingsfrage mehr Kompetenz, sondern auch bei den Klimaproblemen. Was sich heute da an der Basis schon tut – Solarenergie, Elektrotankstellen – alles für mehr Energieeffizienz, das sollte auf Bundesebene finanziell unterstützt werden. Aber die konkreten Entscheidungen, was im Rahmen des überregional Geregelten gemacht wird, treffen die Kommunen.

Das heißt, eine ausgewogenere Kompetenz und Einflussverteilung zwischen der kommunalen und der nationalen Ebene wäre hilfreich für alle. 

 

Die Kommunen, Städte und Gemeinden wären Ihnen sicherlich dankbar, wenn sie mehr Kompetenzen bekämen. Zum Beispiel in der Frage: Warum dürfen sie Flüchtlinge nicht beschäftigen, obwohl sie wollen und genug Arbeit da ist? 

Der gesunde Menschenverstand dürfte das genauso sehen. Aber die Gesetzgebung ist eine andere. Aber auch hier brauchen wir Mindeststandards, um Ungerechtigkeiten zu vermeiden, denn es gibt reiche und arme Gemeinden.

In diesem Zusammenhang müssen wir unbedingt die soziale und integrative Kraft berücksichtigen, die durch die Kompetenzverschiebung entsteht. Würden in einem Ort, einer Gemeinde Flüchtlinge beschäftigt, dann erleben die Menschen hautnah mit, dass das ja keine Sozialschmarotzer sind, sondern Menschen, die sich einbringen wollen.

Ein Beispiel: In einer Kleinstadt außerhalb von Athen wurden Flüchtlinge angesiedelt. Gegen den Willen der Bevölkerung. Die Flüchtlinge haben sich zusammengetan und beschlossen, die völlig verdreckten Parks im Ort zu reinigen. Plötzlich haben die Bewohner gedacht: „Ach, das ist aber schön. Die Flüchtlinge sind ja doch sehr kooperativ. Sie tun etwas für unser Gemeinwesen, für uns.“ Nach und nach wurde die Situation immer entspannter. Das Grundproblem, die Abneigung, der Hass waren verschwunden.

Thomas Pfundtner

November 2019

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 30.10.2019
    Vielen Dank für dieses facettenreiche, interessante Gespräch. Hier werden vernünftige Denkansätze gezeigt, die vielen Gestaltern von Politik fehlen, die vielleicht auch wegen eigener Interessen nicht umgesetzt werden? Bildung, Gedanken an die Zukunft und Menschlichkeit - drei wirklich wichtige Dinge!

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Gesine Marianne Schwan

Sie wurde am 22. Mai 1943 in Berlin geboren. Die Eltern gehörten im Nationalsozialismus zu protestantischen und sozialistischen Widerstandskreisen und versteckten im letzten Kriegsjahr ein jüdisches Mädchen.

Nach dem Abitur studierte Gesine Schwan Romanistik, Geschichte, Philosophie und Politikwissenschaften. Danach arbeitete sie ab 1971 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FU Berlin.
Dort habilitierte sie vier Jahre später und lehrte ab 1977 als Professorin für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut (FU Berlin). Von 1992 bis 1995 war Gesine Schwan Dekanin des Instituts.

In erster Ehe war Gesine Schwan seit 1969 mit dem Politikwissenschaftler Alexander Schwan, der 1989 verstarb, verheiratet. Seit 2004 ist Gesine Schwan mit dem Gründer der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International, Peter Eigen, verheiratet.

1972 wurde sie Mitglied in der SPD. Die Ostpolitik Willy Brandts spielte eine entscheidende Rolle bei dieser Entscheidung.

2004 wurde Schwan von der SPD und Bündnis90/Die Grünen als künftige Bundespräsidentin vorgeschlagen, unterlag allerdings gegen den Gegenkandidaten Horst Köhler bereits im ersten Wahlgang. Auch ihre zweite Kandidatur 2009 war nicht von Erfolg gekrönt.