Steyler Welt

„Wir Christen müssen freudige Menschen sein!“

Vor einem Jahr trat Pater Paulus Budi Kleden sein Amt als Generalsuperior der Steyler Missionare an. Was ihn freut, wo er mehr tun möchte und warum ihm Europa am Herzen liegt – darüber hat er mit der Redaktion gesprochen

Im schönen Garten des Klosters Sankt Augustin traf Pater Budi Kleden die stadtgottes-Redaktion zum launigen Gespräch. Es wurde (auch) viel gelacht ...

Sie sind jetzt seit sieben Monaten Generalsuperior. Wie geht es Ihnen im neuen Amt?

Ich war ja schon sechs Jahre lang im Rat gewesen, bevor ich das neue Amt übernommen habe. Das ist sicher hilfreich. Und auch, dass zwei Mitbrüder schon zum zweiten Mal im Rat sind.

Aber diese neue Position ist natürlich eine andere Sache! Man hört auch vieles, worüber man sich nicht so freut. Aber es geht mir gut damit zu wissen, dass es viele Leute gibt, die uns unterstützen und mit uns gehen. Ich muss nicht das Unmögliche leisten, ich darf ich selber sein.

Einige Tage, nachdem ich gewählt wurde, kam ein früherer Generalsuperior zu mir und sagte: „Wenn man neu gewählt wurde, gibt es immer die Versuchung, die Alten nachzumachen. Aber das ist nicht das, was man von dir erhofft!“

Was läuft bei den Steylern im Moment richtig gut?

Beim letzten Generalkapitel haben wir uns die spirituelle Erneuerung auf die Agenda gesetzt. Wir wollten tiefer gehen, zu unseren Wurzeln. Ohne das können wir nicht weitermachen. Als Missionare und Ordensleute muss uns klar sein: Unser Leben ist ein Zeugnis. Wir wollten Leute ermutigen, zusammenzukommen, damit sie über sich selber sprechen, über ihren Glauben und ihr Gebet, bevor wir dann über Sachen sprechen. Anscheinend fand das Anklang: Viele Provinzen versuchen, diesen Weg in ihre Versammlungen zu integrieren.

Wir haben weiterhin noch viele Berufungen, sie kommen überwiegend aus Indien und Indonesien, Vietnam, aus Ghana, dem Kongo. Auch das macht mir Freude!

Aus Europa kommen nicht mehr viele ...

Das ist wirklich eine Herausforderung! Es ist wichtig, dass wir weiterhin Leute aus Europa haben. Als Steyler sind wir stolz, dass wir eine sehr bunte Ordensgemeinschaft bilden. Das ist eine Bereicherung für die Kirche und die Gesellschaft. Wir werden verarmen, wenn von einem Erdteil nur wenige Mitbrüder da sind.

Woran liegt es denn, dass bei uns nur so wenige Interesse haben?

Das ist eine komplizierte Sache, auf die es nicht nur eine Antwort geben kann. Ein Grund ist sicher, dass die Familien immer weniger Kinder haben. Aber das ist nicht das Einzige. Die Leute sehen, dass es andere Möglichkeiten gibt, der Kirche und den Menschen zu dienen als Missionar zu sein. Manche schrecken vielleicht auch vor Verbindlichkeit zurück.

Ist der Zölibat ein Grund?

Sicher auch. Aber hier muss man unterscheiden: Der Zölibat ist mit dem  Priester-Sein verbunden. Inwieweit man das Priester-Sein an das Mann-Sein koppeln muss, darüber kann man diskutieren, dafür bin ich offen. Aber wir sind ja nicht nur Priester. Als Ordensmann/Ordensfrau legt man freiwillig Gelübde ab, die einen ganzen Lebensstil betreffen.

Welche Probleme sehen Sie?

Ich möchte nicht von Problemen reden – es sind Herausforderungen. Ich nenne ein paar Schwerpunkte, wo wir mehr tun müssen. Erstes Stichwort: Spiritualität. Wir müssen die vertiefen, sonst funktionieren wir nur noch, und das ist nicht das Richtige

© Priska Netterer/ArchivUnd auch nicht attraktiv!

Stimmt. Wer tiefe spirituelle Wurzeln hat, kann mit Freude und mit Überzeugung leben. Missionare, Christen überhaupt, die keine Freude ausstrahlen, können nicht attraktiv sein. Wir müssen freudige Menschen sein!

Eine zweite Herausforderung: Die Ausbildung unserer jungen Leute. Wir sind eine Ordensgemeinschaft, die mit vielen Berufungen gesegnet ist. Über 1000 junge Männer im Noviziat und in zeitlichen Gelübden, dazu die, die noch vor dem Noviziat sind: Das sind mehr als 2000. Eine große Verantwortung! Wir müssen ihnen helfen zu verstehen, was es heißt, diesen Weg zu gehen. Und wir müssen Mitbrüder finden, die diese jungen Menschen begleiten. Ausbilder zu sein, ist nicht immer leicht! Aber die Zukunft des Ordens hängt davon ab, wie wir heute mit diesen jungen Leuten gehen, damit sie vorbereitet sind auf die neuen Herausforderungen.

Die dritte: Zusammenarbeit mit den Laien (Entschuldigen Sie den Begriff!). Ohne die Laien gelingt uns Missionaren nichts. Wir müssen diese Zusammenarbeit fördern. Wir sind alle berufen! Wir haben nicht nur eine Mission; jeder von uns ist – wie der Papst sagt – eine Mission!

Das gemeinsame Leben von Mitbrüdern aus vielen Kulturen ist eine Bereicherung, aber auch eine Herausforderung. Es gibt leider auch Fälle, wo es nicht klappt. Aber wir müssen daran festhalten. Wir werden von anderen Ordensgemeinschaften als Experten im Zusammenleben und -arbeiten gesehen.

Sie haben in Österreich und Deutschland studiert, waren Seelsorger in der Schweiz. Was hat Sie am meisten geprägt?

Die fünf Jahre in der Ausbildung waren eine sehr schöne Zeit. Wir waren in St. Gabriel junge Mitbrüder aus vielen Ländern. Das kannte ich aus Indonesien nicht. Da habe ich gelernt, was es heißt, Steyler zu sein in dieser bunten Welt!

In der Schweiz zu arbeiten, war am schönsten! Nach vielen Jahren der Ausbildung war es endlich Zeit, als Seelsorger unter den Leuten zu sein. Ich hatte das Glück, dass ich in einer Gemeinde war, die für längere Zeit keinen fixen Seelsorger hatte. Die Leute waren offen für alle Initiativen. Und so konnte ich vieles versuchen!

Haben Sie dort etwas gelernt?

O ja! In dieser sehr säkularisierten Welt gibt es Menschen, die haben scheinbar alles, es fehlt nichts. Aber ich habe ihre Sehnsucht gespürt. Es gibt das Bedürfnis nach Gottes Botschaft, aber wir müssen den richtigen Weg finden, diese Botschaft zu vermitteln.

Als Sie in Österreich waren, haben sich die jungen Steyler dafür eingesetzt, ins Missionshaus St. Gabriel Flüchtlinge aufzunehmen ...

Das ist mir noch ganz frisch in Erinnerung, obwohl es schon so lange her ist. Wir hatten in der Fratresgemeinschaft und dann im Haus über die Not der Flüchtlinge und unseren Wunsch zu helfen gesprochen und kamen dann zu einem gemeinsamen Beschluss. Dieser Prozess hat mich geprägt: Wenn man zusammen überlegt, kommt man zu guten Entscheidungen!

Aber auch: Wenn wir vor einer Not stehen und uns auf das besinnen, was wir haben und was wir sind, dann können wir viel bewegen. Vor einer Not zu stehen hilft uns zu erkennen, wie viel Potential in uns steckt. Augen offen halten, näher zusammenrücken und Raum machen – das braucht sehr viel Mut. In dieser Zeit in St. Gabriel ist meine Sensibilität für Menschen in Not gewachsen und auch mein kritischer Blick auf mich selbst: Ich habe viel – brauche ich das alles?

Die Steyler in St. Gabriel protestierten, als dieses Caritas-Heim jetzt geschlossen wurde. Müssen die Steyler insgesamt mit ihren Positionen mehr in die Öffentlichkeit gehen?

Ich begrüße es, wenn sie es tun! Ich selbst war elf Jahre als Lehrer am Priesterseminar in Indonesien. Alle 14 Tage habe ich dort eine Kolumne in einer Tageszeitung über soziale Fragen geschrieben. In diesen öffentlichen Diskussionen müssen wir präsent sein! Wir müssen alle Bühnen nutzen, um über unsere Werte zu sprechen und das zu benennen, was gegen den Frieden und das gute Zusammenleben verstößt. Das gehört für mich zum Missionar-Sein.

Sie kommen viel in der Welt herum. Was bedeutet Heimat für Sie?

Meine Heimat ist Indonesien, aber heimisch fühle ich mich, wenn ich Mitbrüder besuche, wenn ich Leute treffe, wie in diesem Frühling in der Flüchtlings-Siedlung Bidi-Bidi in Uganda. Da sehe ich die Gesichter, höre die Geschichten. Das ist, was ich von meinen Mitbrüdern erwarte: dass sie sich hingeben für die Leute. Ich bin stolz und immer stolzer, was wir als Familie der Steyler tun. Da fühle ich mich beheimatet!

Haben Sie als „oberster Steyler“ einen Satz für unsere stadtgottes-Leserinnen und -Leser?

Wir als Christinnen und Christen haben der Welt viel zu geben. Und wir haben viel von der Welt zu lernen. Wir haben viel Gutes getan. Und wir können noch viel Gutes von anderen übernehmen!

Als stadtgottes-Leserinnen und -Leser leisten Sie einen ganz wichtigen Beitrag für die Menschen. Vor einigen Monaten war ich in Afrika. Ich habe dort gesehen, wie viel Gutes die Missionare mit der Unterstützung von vielen Leuten tun.

Oft sprechen wir zu wenig von dem Guten, was wir tun. Aber das sollten wir! Nicht um anzugeben, sondern um zu zeigen, dass wir die Welt verändern. Man kann viel Schlechtes über die Kirche sagen, aber wir machen auch viel Gutes!

 

Aufgezeichnet von Christina Brunner

Oktober 2019

Kommentare (1)

  • HEINRICH BOLLEN
    HEINRICH BOLLEN
    am 06.10.2019
    Ich hatte eigentlich damit gerechnet, dass sein Vorgänger eine zweite Amtszeit, bekommt. denn kurz bevor dieser gewählt wurde, habe ich in der Deutschen Welle entdeckte, dass ein Professor im Slum sich besonders um das Schicksal der Kinder besorgt. kurz danach hörte ich im radio Deutsche Welle dass er sagte die kinder werden sich erschrecken wenn sie hören ihr Helfer sei "General" Er nenne sich deshalb lieber "Chelf der Steyler" Unter diesem Titel hatte ich mit ihm eine lebhafte Korrespotenz.

    In der Messe in der Hotelkapelle "Revelation" verkündete Pater Otto dass Pater Budi Kleden zum neuen Chel der Steyler ernannt ist. Anwesend ware fünf junge Gäste aus seiner Heimat Larantuka in Flores.

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Zur Person

Paulus Budi Kleden wurde 1965 in Waibalun, Diözese Larantuka, Indonesien geboren. 1985 trat er bei den Steyler Missionaren ein. Nach seinen Studien in Ledalero, Indonesien, und St. Gabriel, Österreich, wurde er 1993 zum Priester geweiht. Anschließend wirkte er drei Jahre in Steinhausen und Auw in der Schweiz. Daraufhin studierte er in Freiburg, Deutschland, systematische Theologie; er schloss 2000 mit dem Doktorat ab. Zurück in Ledalero arbeitete er in der Ausbildung und war Professor im dortigen Priesterseminar. 2012 wählte ihn das Generalkapitel in den Generalrat. Das 18. Generalkapitel der Steyler Missionare in Nemi, Italien, wählte ihn am 4. Juli 2018 mit großer Mehrheit zum 12. Generalsuperior. Am 30. September 2018 trat er mit dem neugewählten Generalrat sein Amt an.