Gesellschaft

"Wir hatten Angst, Sie zu verlieren"

stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner hat mit Dr. Tobias Leis, seinem behandelnden Oberarzt in der Lungenklinik Lostau, über die Zeit des Komas gesprochen

Thomas Pfundtner verdankt Dr. Tobias Leis und seinem Team sein Leben

Können Sie meine Krankheit beschreiben?
Sie litten unter einer schwergradigen, lebensbedrohliche Lungenentzündung verbunden mit einer Blutvergiftung und dem Versagen von Lunge und Kreislauf. Entscheidend aber war das Lungenversagen. Das Organ konnte eine ihrer lebenswichtigen Funktionen, den Organismus über die Atmung mit Sauerstoff versorgen, nicht mehr erfüllen.

Kommt das selten vor?
Diese Form ist weltweit die am häufigsten tödlich verlaufende Infektionserkrankung. Etwas weniger als die Hälfte der Fälle werden im Krankenhaus behandelt, ein kleiner Anteil davon auf der Intensivstation, wie in Ihrem Fall. Der größte Anteil der Lungenentzündungen ist durch eine bakterielle Infektion bedingt. Auch in Ihrem Fall waren die Kriterien einer bakteriellen Infektion erfüllt. Im weiteren Verlauf ergaben dann weitere spezielle Untersuchungen den Nachweis einer sehr seltenen Form einer Entzündung der Lunge, einer sogenannten akuten eosinophilen Pneumonie. Ab da wurde es schwierig.

Warum musste ich ins Koma gelegt werden?
Die Sauerstofftherapie über eine Nasenbrille oder Maske waren nicht mehr ausreichend. So kam es zu dem lebensbedrohenden Lungenversagen. Um Ihr Überleben zu sichern, war eine künstliche, maschinelle Beatmung über einen Endotrachealtubus notwendig. Hierzu mussten Sie in ein künstliches Koma gelegt werden, da die Prozedur im Wachzustand nicht erträglich ist. Normalerweise toleriert der Patient den Endotrachealtubus und eine gleichzeitige maschinelle Beatmung mit hohem Beatmungsdruck ohne künstliches Koma oder schmerzstillende Medikamente nicht.

Bei Ihnen kam erschwerend hinzu, dass infolge Ihrer Vorgeschichte, nämlich der Krebserkrankung der Tonsillen mit Operation und Chemo- sowie Strahlentherapie, die anatomischen Verhältnisse in Ihrem Mund- und Rachenbereich außergewöhnlich verändert waren und die Intubation dadurch sehr schwierig war.

Die Narben sind gut verheilt, darüber ist Thomas Pfundtner sehr glücklich

Wie ging es weiter?
Durch die genannte Behandlung besserten sich die Organfunktionen und die Gesamtsituation. Allerdings trat weiterhin regelmäßig Fieber auf, auch unter antibiotischer Behandlung und trotz rückläufigen Entzündungszeichen. Wir suchten also händeringend nach selteneren Ursachen. Eine Entzündung der Herzinnenhaut konnte ebenso ausgeschlossen werden, wie seltene Erreger. Später wurde durch eine ganz spezielle Untersuchung der Lunge eine sehr selten auftretende Form einer Lungenentzündung, eine akute eosinophile Pneumonie diagnostiziert. Das heißt, es traten vermehrt weiße Blutkörperchen in der Lunge und im Blutkreislauf auf. Unter der entsprechenden Behandlung besserte sich Ihr Zustand dann sukzessive, so dass wir mit der Entwöhnung von den Atemgeräten beginnen konnten. Dafür wurde dann noch ein Luftröhrenschnitt mit Einlage einer Beatmungskanüle am Hals komplikationslos durchgeführt.

Also verlief alles wie erwartet?
Eigentlich ja. Aber die Komazeit verlängerte sich aufgrund der schweren lebensbedrohlichen Erkrankung. Als später der sichere Atemweg vorlag, wurde Ihre Entwöhnung eingeleitet. Dabei wurde auch versucht, Sie aus dem künstlichen Koma zu holen, das heißt die Schmerzmedikamente und sedierenden Medikamente wurden reduziert. Aber es kam zu einer akuten organisch bedingten Psychose mit Bewusstseinsstörungen (Delirium)  wie Bewusstseinstrübungen, Aufmerksamkeits-, Orientierungs- und Wahrnehmungsstörungen. Dadurch kam es zu Verzögerungen und Schwierigkeiten. aufgrund von Unruhezuständen und vegetativen Entgleisungen wie zum Beispiel Blutdruckkrisen oder extrem erhöhtem Puls. Die Delirbehandlung (Behandlung des Verwirrtheitszustandes, Anm. d. Re.) gestaltete sich schwierig und verlängerte damit das künstliche Koma.

Wir ergänzten die Diagnostik um eine Computertomographie des Schädels, so konnte eine Hirnblutung ausgeschlossen werden und es gab keine Hinweise auf einen Schlaganfall als mögliche Ursache. Das alles zog sich über Wochen hin. Dann erfolgte eine weitere Medikamentenumstellung und Dosisanpassung auf Empfehlung des hinzugezogenen Neurologen, Dr. Ron Lenz. Sie wachten kurz darauf endlich auf.

Welche Probleme traten auf?
Die Phase Ihres Deliriums war ein kritischer Punkt der gesamten Behandlung auf der Intensivstation. Der Grund: Entscheidend wichtig war Ihnen – und Ihre Ehefrau hatte das wiederholt zum Ausdruck gebracht – dass Ihr körperlicher und insbesondere Ihr geistiger Zustand in Zukunft wieder ein Niveau erreichen würde, auf dem Sie sich ohne größere Einschränkungen frei bewegen können. Das heißt auch ohne pflegerische Hilfe, insbesondere ohne Notwendigkeit einer Versorgung in einer pflegerischen Einrichtung. Noch wichtiger war Ihnen, dass Ihr geistiger Zustand wieder voll hergestellt werden würde. Dies hatten Sie im Vorfeld mit Ihrer Frau festgelegt. Sofern die Befunde beziehungsweise Ihr medizinischer Gesamtzustand eine solche positive Prognose nicht mehr zugelassen hätte, sollte im Sinne Ihres Patientenwillens die intensivmedizinische Maximaltherapie einschließlich der maschinellen Beatmung beendet werden. 

Es gab grundsätzlich in jeder Krankheitsphase intensive Therapie-Gespräche mit Ihrer Ehefrau und Ihren Kindern hinsichtlich Ihres aktuellen Zustands, der Befunde, der Maßnahmen sowie der Prognose. Auch in kritischen Krankheitsphasen, zum Beispiel im Rahmen der schweren Infektion mit Sepsis und Mehrorganversagen waren aus meiner medizinischen Sicht dennoch alle genannten Ziele potentiell erreichbar. Zum Zeitpunkt des schwergradigen Delirs war die Verunsicherung hinsichtlich der Prognose auf Seiten Ihrer Ehefrau sehr groß. Sie hatte Angst, dass Sie am Ende in körperlich und geistig ‚behinderten’ Zustand in einer pflegerischen Einrichtung ‚enden’. Ein Zustand, den Sie strikt ablehnen würden und der großes Leid für Sie bedeuten würde. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass Sie bereits einige Wochen auf der Intensivstation in Behandlung waren (intensivmedizinische Langzeitbehandlung und Langzeitbeatmung), was die Verunsicherung und Angst Ihrer Frau zusätzlich förderte. Natürlich konnte ich nicht mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit versichern, dass unsere Ziele sicher erreicht werden. Dennoch glaubte ich weiter an die potentielle Besserung des Delirs und nachfolgend an eine weitere Verbesserung des körperlichen Zustands nach einer Rehabilitation. Es gab in diesen Gesprächen mit Ihrer Ehefrau natürlich Tränen und die Emotionen ‚kochten hoch’. Letztlich war es aber möglich, Ihrer Ehefrau die Ängste zu nehmen und Hoffnung zu vermitteln und die Behandlung konnte fortgesetzt werden. 

Hatten Sie Angst, mich zu verlieren?
Ja, vor allem aber hatte ich Angst, dass die Therapieziele nicht erreicht werden können und am Ende ein Zustand da ist, den Sie eindeutig nicht gewünscht hätten und unter dem Sie leiden würden – als Pflegefall oder in geistig eingeschränktem Zustand. Das Entscheidende ist aber: Ich habe immer mehr daran geglaubt, dass Sie die schwere Krankheit überstehen und wieder in einen für Sie zufriedenstellenden, lebenswerten Zustand gelangen können!

Was bleibt Ihnen besonders in Erinnerung?
Oh, einiges: Medizinisch ist es der Erfolg, dass wir Ihre seltene Form einer Lungenentzündung erfolgreich behandeln konnten. Menschlich gesehen, der unermüdliche Einsatz Ihrer Ehefrau und Ihrer Kinder. Das beweist, wie wichtig es ist, dass der behandelnde Arzt und die Angehörigen in ständigem Austausch sind, auch wenn die Gespräch hin und wieder emotional werden. Aber, man darf nie vergessen: Es geht um das Leben des Patienten.

Positiv überrascht hat mich Ihre schnelle Rekonvaleszenenz und das Sie so um Ihre Gesundheit gekämpft haben. Selten habe ich einen Patienten erlebt, der so schnell wieder in die Spur gekommen ist. Es wäre schön, wenn alle Koma-Patienten Ihr Schicksal so annehmen wie Sie und an eine Zukunft glauben.  

Was können wir aus der Krankheit und ihrem Verlauf lernen?
Ich glaube, die Liebe und Fürsorge Ihrer Familie während des künstlichen Komas hat neben der medizinischen Betreuung eine entscheidende Rolle gespielt. Und auch Ihr Kampfeswille darf nicht unterschätzt werden. Als Arzt durfte ich lernen, dass der menschliche Faktor und der Glaube an ein gutes Ende nicht unterschätzt werden dürfen.

Thomas Pfundtner

September 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 27.08.2018
    Wie außergewöhnlich schonungslos offen ist dieser berührende Bericht, so mutig noch einmal über eine so schwere Zeit zu sprechen, sie dann der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und damit vielen Kranken, aber vor allem Angehörigen - und ich denke auch Ärzten und Pflegern - Mut zu machen, niemals die Hoffnung an Rekonvaleszenz und ein möglichst normales Leben aufzugeben. Diese Zeit steht man wohl nur durch, wenn man Rückhalt im Glauben und liebenden Menschen hat. Ganz großen Dank dafür an Thomas Pfundtner - und ganz viel Dank an alle Mitarbeiter aller Kliniken, die im Notfall jederzeit bereit sind, uns zu helfen.

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