Das Gespräch

"Wir Menschen brauchen Lob und Anerkennung"

Sprache ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Das und noch viel mehr sagt Iso Camartin. stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner hat ihn in seiner Wohnung in Zürich getroffen

In seiner gemütlich eingerichteten Wohnung nahm sich Iso Camartin viel Zeit für das Gespräch

Ihr ganzes Leben haben Sie sich mit Sprache beschäftigt. Was haben Sie von der Sprache gelernt?

Unsere Welt spiegelt sich in jeder Sprache wieder. Die Sprache ist der verborgene Schatz für die Entdeckung des eigenen Ichs. Selbstorientierung ist etwas, das zum Allerwichtigsten im Leben gehört –und sie verläuft über die Sprache.

Warum unternehmen wir dann heute alles, um Sprache zu verhunzen, zu verkürzen? 

In unserer heutigen Zeit muss alles schnell gehen. Also verkürzen wir die Sprache, reduzieren, wo es nur geht. Die Kommunikation über die sozialen Medien vernachlässigt die Schrift und setzt verstärkt auf Symbole. Aus der Alltagssprache wird Zeichensprache. Gefühle werden durch einen Smiley ausgedrückt anstatt beschrieben. Deshalb ist es so wichtig, dass wir die Art der Sprache, die mehr ist als reine Verständigung, hegen und pflegen. Letztendlich ist Sprache ein Medium, das wir ständig selbst weiterentwickeln müssen. 

Sie sagen, es gibt keine Politiker mehr, die eine beeindruckende Rede halten können. Legen wir keinen Wert mehr auf Sprache?   

© Mara TruogSie haben recht. Das deutsche Parlament hatte immer den Ruf, mit gedanklicher Schärfe und sprachlicher Präzision zu diskutieren und zu argumentieren. Helmut Schmidt, das war ein überragender Redner. Oder Franz Josef Strauß, Willy Brandt, Herbert Wehner oder Rainer Barzel. Das war eine große Politikergeneration. 
Wenn ich dagegen heute Horst Seehofer höre, wie er zwischen „Ähs“ und „Stoßseufzern“ ringt und welche Unbeholfenheit er im sprachlichen Umgang an den Tag legt - da muss ich ganz ehrlich sagen, die deutsche Sprachkultur hat sich stark verändert. Ich habe den Eindruck, dass politische Reden sich derart ritualisiert haben, dass sie kaum mehr für irgendjemanden ein Erweckungserlebnis bereithalten. 

Es gibt aber auch andere Beispiele wie...

...ich weiß, Sie meinen Donald Trump. Aber er kommt von einer anderen Ebene, der skandalträchtigen. Er bringt es wirklich fertig, mit wüsten Unterstellungen, mit Verkürzungen und mit radikalem Verdrehen der Wahrheit, sein Aufmerksamkeitsspiel nicht nur zu spielen, sondern auch zu gewinnen. Da muss gegengesteuert werden. In den Künsten, aber auch in der Gegenrede. 
Man muss diesem unmöglichen Trump sogar ein klein wenig dankbar sein, denn er hat auch etwas aufgedeckt: Seine Provokationen und seine empörende Haltung zu Fakten sind Mobilisationsmittel für die immer mehr werdenden notwendigen Gegenreaktionen. Ich hoffe nur, es wird möglich sein, diese anderen Möglichkeiten der Sprache so einzusetzen, dass der Umgang mit der Wahrheit wieder ins Licht der Neugier gerückt wird. 

Barack Obama hat das wohl erkannt.

Stimmt. Seine Rede vor den Midterms-Wahlen im letzten November war sehr beeindruckend. Wie er in der Öffentlichkeit argumentiert und versucht, über die Sprache auch eine ethische Haltung mitzuliefern. Das ist beeindruckend. Ihm ist es nicht gleich, wie die Leute reagieren auf das, was er sagt. Er ist auch vermutlich weniger kalkulierend als es Trump ist mit seinen rüpelhaften Ausbrüchen. Aber da merkt man eben, was Sprache kann. 

Welche Gefahr birgt die Vereinfachung und Reduzierung der Sprache? 

Populismus! Das ist eine Sprache, die jeder versteht. Populisten nehmen alles, was Sprache attraktiv und zu so einem wunderbaren Gebilde macht, weg und reduzieren es auf das Minimale. 

Ihnen ist das Lob zum ersten Mal in der Kirche begegnet... 

... genau. Die Kirchensprache ist eine weitere entscheidende Säule unserer Sprachen, neben der Arbeits-, Rechts- und Familiensprache. Kirchensprache steht für das Feierliche und ist wichtig für das Feierliche. Es ist doch unglaublich, welcher Wortschatz aus der christlichen Tradition geflossen und bis heute verinnerlicht ist. Das reicht bis in unseren Alltag hinein. 

© Mara TruogMüssen wir loben?

Ich glaube ja. Menschen brauchen Anerkennung. Die Anerkennung ist vielleicht die Grundsubstanz des Lobes. Man kann keine Lobrede halten auf jemanden, den man nicht anerkennt. Die Menschen, die es schwer haben andere anzuerkennen, die haben es in der Regel auch schwer, sich selbst anzuerkennen. 

In Ihrem Buch finden sich auch unveröffentlichte Lobreden. Zum Beispiel eine Lobrede auf Daniel Cohn-Bendit.

Jetzt ist sie ja in dem Buch, war jahrelang in der Schublade verschwunden. Ich habe diese Rede gehalten, als er einen Preis des Schweizer Fernsehens bekommen hat. Die Daniel-Cohn-Bendit-Rede ist ein typisches Beispiel, was mit Lobreden passieren kann: Erarbeiten, halten, verschwinden. Glücklicherweise wurde diese für das Buch wieder ausgegraben. 

Braucht eine Gesellschaft das Lob?

Eindeutig. Eine Gesellschaft, die nicht mehr wahrnimmt, was lebenswert und lobenswürdig ist, die wertet nicht mehr richtig. Wir brauchen das Lob, um die Wertigkeit im Leben zu finden. Um sagen zu können, das ist gut so oder das ist nicht gut so.

Können Diktatoren loben?

Ja, Selbstlob. Franco ist ein tolles Beispiel: Was der für einen Staat aufgebaut hat von Leuten, die eigentlich nichts anderes taten als Lob und Preis des Herrschenden permanent zu verkünden. Die Ereignisse in Venezuela machen das noch deutlicher. Eine völlig desolate Wirtschaft. Inflation von zwei Millionen Prozent. Aber Präsident Nicolas Maduro ließ sich im Staatsfernsehen feiern, stellte Misserfolge als Erfolge dar. Schon Aristoteles und Platon warnten: „Man muss die Rhetorik immer an die Ethik zurückbinden.“ Wenn das nicht der Fall ist, sind wir falsch unterwegs. 

Lob und Moral, wie passt das zusammen?

Eine untrennbare Verbindung. Diktatoren haben keine Moral, also ist ihr Loben falsch. Heute hat jede demokratische Regierung eine Ethikkommission. In ihr sitzen all jene, die ihre Ohren aufgestellt haben, damit sie wirklich alles mitbekommen, was im Gesetzgebungsprozess passieren könnte. Damit auch Minderheiten, die am Rande der Gesellschaft stehen, nicht übersehen werden. Ich glaube, das ist das Optimale, was man machen kann. Man muss sozusagen die Gewissensinstanz institutionalisieren. Lob und Moral sind also unzertrennlich. 

Entwickelt sich die Welt zu schnell? Kommt der Mensch nicht mehr mit?

Entwicklung lässt sich nicht so steuern, dass man etwas künstlich verlangsamen kann. Es ist aber natürlich ein großes ethisches Problem, was der Mensch probieren kann und darf. Sei es in der medizinischen Forschung oder in der digitalen Welt. Allerdings bezweifle ich, dass festgelegte Regeln oder Grenzen niemanden abhalten werden, immer weiter und weiter zu forschen. Entscheidend ist diese genuine Neugier für eine Antwort auf Fragen wie: Was macht das Leben zum Leben? Wie bekommen wir das Leben noch besser unter Kontrolle? Solange es eine Möglichkeit gibt, den Antworten näher zu kommen, wird es auf der Welt diese Neugier geben, die bereit ist, auch moralischen Grenzen zu überschreiten.  

Also wird Ethik immer dem Profit und der Rendite untergeordnet? 

Grundsätzlich ja, aber es gibt die offene Gesellschaft, die das an vielen Punkten immer wieder verhindert. Nur in ihr funktionierten letztendlich moralische Instanzen, wenn auch nicht immer perfekt. Nehmen Sie die Kirchen. Sie haben in vielen Jahrhunderten wunderbare Dinge geleistet, aber auch so viel Schreckliches angerichtet und geduldet. Die Kirchen konnten über Jahrhunderte feste, moralische Mauern errichten, die inzwischen aber bröckeln. Die dem Leben dienende Wahrheit muss immer weitergesucht werden. Im Dialog mit allen, die um Gerechtigkeit und um die Zumutbarkeit des Daseins bemüht sind. 

Ihr höchstes Lob?

Wirklich gut!

Was sollte nicht auf Ihrem Grabstein stehen?
Er hat Sprache missverstanden. 

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Thomas Pfundtner

Mai 2019

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 24.04.2019
    Ich bin sehr angetan von diesem Gespräch über die Sprache und deren Wirkung. Es wird mir beim Lesen wieder einmal bewusst, wie wichtig es ist, nicht nur über die Wortwahl, sondern auch den Tonfall, nachzudenken. Denn schon im Sprichwort heißt es, der Ton mache die Musik. Ich kann also - in meiner Sprache - am Tonfall meist die Stimmung des anderen erkennen und auch mein Gefühlszustand lässt sich über meine Sprache und den Tonfall erkennen. In anderen Kulturkreisen redet man oft lebendiger, allein das hört sich für uns aggressiv an - ist es nicht unbedigt! Die Wortwahl tut dann ein Übriges - von Wortschatz mag ich allerdings heutzutage bei nur wenigen Menschen sprechen. Kinder sollen in der Schule in durchgängiger Sprachbildung in allen Fächern Bildungssprache erlernen. Das ist auch absolut notwendig, oft wünsche ich mir aber einfach, dass sie freundlich miteinander umgehen, das Gute im Mitmenschen durch Lob bestärken. Ehrlich gemeintes Lob, ohne ein Gegenlob zu erwarten - und bei Kritik, die Sachebene nicht verlassen, den Menschen dahinter beachten. Lob und Anerkennung wirken oft Wunder. Ein echtes Lob für dieses Gespräch!

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Zur Person

Iso Camartin wurde am 24. März 1944 in Chur in der Schweiz geboren. Er wuchs in Disentis auf, wo er die Klosterschule der Benediktiner besuchte. Nach dem Abitur studierte er in München, Bologna und Regensburg Philosophie und Romanistik. Sechs Jahre später promovierte Iso Camartin über die Philosophen Immanuel Kant und Johann Gottlieb Fichte. Als Publizist, Schriftsteller und Fernsehmoderator wurde Iso Camartin weit über die Schweiz hinaus bekannt, arbeitete unter anderem als ordentlicher Professor an der Universität Zürich oder am Wissenschaftskolleg in Berlin.  Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.