Steyler Welt

Zu Gast bei Anna und Bonifatius

St. Anna und Bonifatius ist eine Kirche. Mit Altar und Kreuz, mit Kerzenopfer und Gottesdienst­ordnung. Doch einmal in der Woche wird sie zu einem Restaurant umgebaut, in dem alle willkommen sind. Auch die Unperfekten

Jeden Dienstag sitzt Pater Marianus (Mitte) mit Julia, Benjamin und William (von links) zum Essen zusammen

Suki wurde in Surinam geboren, doch ihre Eltern stammten von der Insel Java. Als Arbeitssklaven hatte man sie in die Orangenplantagen geschickt, die Kinder kamen ins Kinderhaus. „Es war schlimm dort“, sagt Suki leise. Noch als 74-Jährige erinnert sie sich an Gewalt und Missbrauch, die schlechten Erfahrungen haben sie zu einer scheuen Frau gemacht: „Aber die Menschen hier sind lieb!“ Benjamin floh vor über 30 Jahren aus dem Iran, er vermisst sein Land noch immer. Jeden Dienstag kommt er: „Wegen Jesus und wegen der Schwestern!“ Er lebt allein und braucht die anderen zum Reden. „Es macht mich glücklich, sie zu sehen!“ Micha lebt seit einem Jahr auf der Straße. Er müsste nicht kommen, um satt zu werden, die Stadt Amsterdam bietet denen, die Hilfe brauchen, viele Anlaufstationen. „Aber das will ich alles nicht!“, sagt der 44-Jährige. „Ich will nicht dahin, wo die Obdachlosen sind. Deren Geschichten kenne ich schon. Wenn man an Leuten interessiert ist, ist es hier besser!“

Die Steyler suchen die Begegnungmit Menschen, die es schwer haben: Pater Marianus mit Suki

Ein gemeinsames Projekt
Menschen wie Suki, Benjamin und Micha gibt es viele in Amsterdam, der Hauptstadt der Niederlande. Wie in allen Großstädten sind die sozialen Probleme groß. In den letzten Jahren kamen auch immer mehr Flüchtlinge, viele wurden abgelehnt und leben illegal in den Parks und unsichtbaren Ecken der Stadt. Doch über ein Pro­blem wird nur wenig gesprochen: die Einsamkeit der Einwohner. „Als ich als Missionar in die Niederlande kam, wollte ich mit den Armen arbeiten“, erzählt Pater Marianus Jehandut, Steyler Missionar aus Indonesien. „Hier gibt es keine Armen, sagte man mir. Wir sind ein reiches Land!“ Doch Pater Marianus fand die Armen und arbeitete zehn Jahre lang in Den Haag mit ihnen. Als er nach Amsterdam kam, wollte der 56-Jährige diese Mission weitermachen. Die Steyler Missionsschwestern wollten das auch. So begannen sie 2015 ein gemeinsames Projekt in der Anna-Bonifatius-Kirche. Das neugotische Kirchengebäude wurde 1984 abgerissen, die Gläubigen nutzen jetzt einen großen Mehrzweckraum in einem der typischen alten Häuser im Amsterdamer Osten. Hier finden außer Messen auch Yoga-Kurse, Meditationsabende und eben das gemeinsame Essen am Dienstag statt.

Die vier Köchinnen Schwester Lilli, Emmanuela, Schwester Celina und Tadu freuen sich über den Appetit ihrer Gäste

Wir wollen Begegnung
„Wir fragten uns: Was brauchen die Leute?“, erinnert sich Pater Marianus, Seelsorger der Gemeinde. „Amsterdam hat viele Hilfsangebote, hungern muss niemand. Bei uns sollten die Leute nicht nur satt werden können. Wir wollen Begegnung!“ Die Steyler luden zunächst die Flüchtlinge aus Eritrea und Syrien ein, mit denen die Schwestern im Flüchtlingscenter bereits arbeiteten. Die Gäste kochten, was sie gern mochten, freuten sich über den Geschmack der Heimat auf ihrem Teller. Und die Ordensleute aßen mit.
Nach und nach kamen andere Gäste in die Kirchenräume. Nachbarn, Gottesdienstbesucher, auch Obdachlose. Schwester Celine ging in den nahe gelegenen Park, sprach die Herumhängenden an, lud sie zum Essen ein. Mehr als nur satt zu werden, das ist für alle Gäste der Grund, dienstags um halb elf in die Anna-Bonifatius-Kerk zu kommen, sich an den gedeckten Tisch zu setzen, ein Kopje Koffei zu trinken und zu erzählen. „Ich fühle mich hier als Gast willkommen“, sagt Benjamin.

Und überall sitzen die Patres und die Schwestern dabei, hören zu, lernen neue Namen, geben Rat. Pater James Arul aus Indien lauscht den Erfahrungen von William, der wie immer ganz in Weiß gekleidet von seinen spirituellen Erfahrungen in Indien erzählt. Pater Marianus zeigt Denis ein paar gymnastische Übungen für die schmerzenden Beine. Schwester Celine sitzt neben der 88-jährigen Julia, die wie so viele aus der ehemaligen niederländischen Kolonie Surinam kommt. Schwester Celina nennt sie „Oma“. „Hier ist ein guter Empfang“, sagt die alte Dame. „Ich möchte hier essen, dann bin ich nicht allein.“

Einsamkeit ist ein großes Thema in dieser Stadt. Die Steyler haben viele traurige Geschichten gehört von Menschen, die mit ihrem Leben nicht mehr klarkommen: Eine Scheidung hat sie aus der Bahn geworfen, andere waren reich und haben alles verloren. Viele haben Probleme mit Alkohol, keine Arbeit, die Kinder sind weit weg. „Ich bin froh, dass wir dieses Projekt mit den Schwestern haben“, sagt Pater Marianus. „Wir können doch nicht nur predigen über das Evangelium, es muss sich auch ausdrücken in der Realität!“ Seine Gemeinde ist begeistert über das Projekt. So wie Els, die sich als Lektorin und Vorbeterin engagiert: „Es ist eine Ermutigung für die Leute im ganzen Viertel! Zum Essen kommen ganz andere Leute als sonntags zum Gottesdienst, das finde ich gut. Und auch wenn es nur ein ganz kleines und einfaches Projekt ist – so wird das Evangelium ganz praktisch!“

Schwester Lilli betet im stillen Bereich der Kirche, die für viele Veranstaltungen genutzt wird

Schwester Lilli, die aus Indonesien stammt, weiß, wie wichtig für Menschen wie Suki und Julia ein freundlicher Empfang und die Sicherheit ihrer Gegenwart ist. Streit oder aggressive Gäste hat es noch nie gegeben. „Wir haben Respekt vor ihnen, und sie zeigen uns ihren Respekt“, erklärt die 40-Jährige. „Vielleicht weil wir von der Kirche sind und weil sie es schätzen, wie wir es machen.“ „Es ist toll, wie geduldig sie sind“, meint Micha, der Obdachlose. Er kommt regelmäßig, um seine Wäsche in die Waschmaschine der Schwestern zu stecken, dafür spült er in Windeseile dienstags Teller, Tassen, Gläser, Besteck der Gäste ab. „Sie helfen mir, ich helfe ihnen“, sagt er kurz.

Die Küche ist ein Taubenschlag
So viele Gäste zu bekochen, bedeutet viel Arbeit für die Schwestern. Schon montags kaufen sie beim Lebensmittelhändler um die Ecke ein, schleppen alles nach Hause. „Das Fahrrad ist für solche Mengen einfach unpraktisch“, lacht die zierliche Lilli. 80 Hähnchenteile werden gewürzt und schon mal gebraten, denn die Schwestern haben nur einen kleinen vierflammigen Gasherd, auf dem höchstens einer der großen Töpfe Platz hat. Am nächsten Morgen kommen Tadu aus Eritrea und Emmanuela aus Kamerun und waschen, schälen, schneiden, was in die großen Salatschüsseln passt. Schwester Lilli rückt Tische, holt Teller, sammelt Besteck zusammen. Und dazwischen kommen immer wieder Leute in die Küche, setzen sich dazu, trinken Kaffee, gehen wieder. „Bei uns geht’s immer zu wie in einem Taubenschlag“, lacht Schwester Celine. „Aber ich mag das!“

Zwischendurch versucht sie am Handy die große Gruppe der illegalen Flüchtlinge, die jeden Dienstag bekocht wird, zu überreden, auch in der Kirche Platz zu nehmen. Denn: „Es ist nicht unser Ziel, Lebensmittel rauszugeben. Wir wollen, dass sie kommen, dass die Leute sich kennenlernen.“ Aber ihr Sprecher bleibt vorsichtig, und Schwester Celine zuckt die Achseln. „Es ist noch ein langer Weg!“ Als das Essen in die Kirche kommt, köstlich duftend nach all den exotischen Gewürzen, die die energische indische Schwester in die Soße gerührt hat, bittet Pater Marianus Julia um ein Tischgebet. Mit immer kräftigerer Stimme dankt die alte Dame dem Herrgott für das Essen, die Köchinnen, die Helfer, die Gemeinschaft, den warmen Raum, in dem sie sitzen können ... „Amen“, sagen schließlich alle mit Überzeugung, und Pater Marianus lädt eine Tischgemeinschaft nach der nächsten ein, sich das Essen bei den Schwestern und ihren beiden Helferinnen zu holen.

Um halb zwei sind die 32 Gäste satt. Die Küche blinkt dank der Hilfe von Micha, das Essen für die 45 Flüchtlinge wartet abholbereit. Lilli und Maria­nus schieben den Altar wieder in die Kirchenmitte, denn morgen ist Gottes­dienst. Celina hilft der alten Julia in ihre vielen Schals. „Das hier“, weiß die 48-Jährige, „ist genau unser Platz als Steyler Schwestern: Wir sind in der Mitte der Menschen, der Stadt, der Probleme.“ Morgen wird sie als Provinzprokuratorin in ihrem Büro Rechnungen sichten, Schwester Lilli geht auf die Demenzstation ihres Altenheims. Und auch in der Gemeindearbeit engagieren sie sich. „Das hier ist nur ein Tropfen in einem Ozean“, sagt Schwester Lilli nüchtern. „Aber wir sind im Moment nur zu zweit, mehr schaffen wir nicht.“ Weil sie das wissen – alle vier – und trotzdem auf Großes hoffen, haben sie ihrem Projekt gemeinsam einen Namen ausgesucht: „Kiemkracht – Samenkorn.“

Christina Brunner

Juli 2018

Kommentare (1)

  • Brunner Rüdiger
    Brunner Rüdiger
    am 12.07.2018
    Liebe Christina!
    Du hast es mal wieder geschafft: mich an einen der Orte zu holen, wo ich eigentlich hingehöre: nach dort, wo Menschen sind.
    DANKE - Adios - Dein Rüdiger

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