Brauchtum

Zurück von der Sommerfrische

Mehr als drei Monate haben die Lipizzaner-Jungpferde auf der Alm verbracht. Im September kehren die Hengste und Stuten in ihre Stallungen in Piber zurück

Beim Almabtrieb legen Pferde und Betreuer einen 20-km-Marsch zurück

Es herrscht Kaiserwetter an diesem Spätsommertag! Zu Ehren der Lipizzaner, deren Ursprung in die imperiale Zeit zurückreicht. An diesem Sonntag endet für die jungen Pferde ihre Sommerfrische auf der Alm. Während die Stuten den Sommer auf der Prentlalm bei Übelbach verbrachten, konnten sich die ein- bis dreijährigen Hengste auf der Stubalm austoben. Heute geht es wieder zurück ins Tal, der Almabtrieb ist jedes Jahr ein großes Fest in Köflach und dem nahegelegenen Gestüt Piber.

Um 10 Uhr brechen die Hengste mit ihren Betreuern auf der Stubalm auf. Der 20 Kilometer lange Fußmarsch nach Piber verlangt Tier und Mensch einiges an Kondition ab. Beim Gasthof Wierdl wird der erste Halt eingelegt. Einige Mädchen schmücken die Pferde mit kleinen Blumensträußchen, ehe es weiter nach Maria Lankowitz geht. Am Platz vor der Wallfahrtskirche findet traditionell die Pferdesegnung statt, bei der für den gut verlaufenen Almsommer gedankt wird.

© Steiermark Tourismus/Gery WolfDann setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Beim feierlichen Einzug in Köflach säumen viele Menschen die Straßen. Es herrscht Trubel, die Musik spielt, aber die Lipizzaner-Hengste lassen sich nicht aus der Ruhe bringen. So ein Sommer auf der Alm wirkt offenbar entspannend! Die letzte Etappe führt zum Gestüt Piber. Die Betreuer führen die Hengste in die Arena, wo sie zur Freude der Zuschauer ausgelassen werden und frei herumlaufen dürfen. Die Pferde genießen den Auslauf, wälzen sich im Sand und bei kleineren Raufereien erproben die „jungen Wilden“ ihre Stärke. Danach geht es wieder ganz gesittet in Reih und Glied in die Stallungen in der Piber-Außenstation Wilhelm, wo die Hengste im Herbst und Winter untergebracht sind.

Abhärtung im alpinen Gelände

Piber ist die Wiege der Lipizzaner. Jedes Jahr werden rund 45 Fohlen im Gestüt geboren – mit schwarzem, grauem oder braunem Fell erblicken sie das Licht der Welt. Erst in den nächsten vier bis zehn Jahren verändert sich das Haarkleid über viele Graustufen zum typischen Weiß, für das die Lipizzaner berühmt sind. Die ersten sechs Monate verbringen die Fohlen mit ihrer Mutter, dann leben sie in der Herde der Hengste oder Stuten.

Jeder Lipizzaner genießt insgesamt drei Mal während seines Heranwachsens einen Sommer auf den in rund 1500 Meter Seehöhe gelegenen Almen. Das ist ein wichtiger Abschnitt in der Aufzucht der Lipizzaner. Auf den steilen und steinigen Hängen erlangen die zukünftigen Stars der Hofreitschule die notwendige Trittsicherheit, Ausdauer und Abhärtung, die sie später benötigen. Die Pferde legen im alpinen Gelände viele Höhenmeter zurück. Die Muskulatur entwickelt sich besonders gut und der Sehnenapparat wird gestärkt.

Während des Tages können die jungen Pferde auf dem rund 50 Hektar großen Gelände frei herumlaufen. Am Abend geht es zurück in die Stallungen. Auf der Alm müssen sich die Jungtiere nahezu selbst versorgen. Sie fressen Gräser und Kräuter, lediglich etwas Hafer und Mineralstoffbeigaben bilden ein „Zubrot“.

Strenge Auswahl

Nach ihrer Sommerfrische beginnt für die dreieinhalbjährigen Tiere dann der Ernst des Lipizzanerlebens. Anfang Oktober findet die jährliche Hauptmusterung statt, bei der die besten Hengste für die Ausbildung in der Spanischen Hofreitschule ausgewählt werden. Auch die jungen Stuten müssen sich einer Leistungsprüfung unterziehen. Bei positivem Abschluss werden sie zur Zucht eingesetzt. Die anderen Jungtiere werden weltweit zum Verkauf angeboten.

Nur fünf bis sechs Hengste schaffen pro Jahr die strenge Auswahl für eine Karriere in der Hofreitschule. In Wien und am niederösterreichischen Heldenberg werden sie Schritt für Schritt an die „Hohe Schule“ herangeführt, lernen verschiedene Gangarten, Wendungen und Sprünge. Die „Sommertrainingslager“ auf der Alm haben die Grundlage für diese Dressurkunst in höchster Perfektion gelegt, für die die Lipizzaner weltberühmt sind.

Ursula Mauritz

September 2019

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Almabtriebsfest

Termin: 14. September 2019

Programm:

13.10 Uhr: Pferdesegnung in Maria Lankowitz

14.00 Uhr: Einzug in der Stadtgemeinde Köflach

14.45 Uhr: Ankunft der Junghengste in der Arena in Piber

Führungen durch das Gestüt: Von 9 bis 12.30 Uhr sowie um 16, 16.30 und 17 Uhr.

Ort: Bundesgestüt Piber, Piber 1, 8580 Köflach

www.srs.at