Ratgeber - Bibel

Ich verstehe die Reihenfolge der Evangelien nicht

Wieso wurde eigentlich die Reihenfolge der Evangelien so komisch festgelegt? Warum steht das älteste Evangelium nicht ganz vorn?

Seit der historisch-kritischen Forschung wissen wir, dass das Markus-Evangelium (um 70 n. Chr.) das erste niedergeschriebene und zusammenhängende Zeugnis war, das über Leben und Sterben Jesu berichtete. In den Jahren zwischen 80 bis 90 sind dann in verschiedenen Gemeinden das Evangelium nach Matthäus und Lukas entstanden. Die sogenannte Zwei-Quellen-Theorie besagt, dass Matthäus und Lukas das Markusevangelium gekannt und zum großen Teil in ihre Evangelien – mit Veränderungen – eingearbeitet haben. Beide haben zudem auf eine gemeinsame Spruchquelle zugegriffen, historisch allerdings nicht belegbar. Ebenso haben beide aus jeweils unabhängigen Quellen geschöpft. Diese drei ersten Evangelien nennt man synoptisch (griech. synopsis: zusammen/gemeinsam schauen), weil sie eine gemeinsame Struktur aufweisen, sodass man sie gut nebeneinander lesen kann, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu entdecken. Das Johannes-Evangelium mit seinem deutlich anderen Charakter entstand erst um das Jahr 100.

Als das Neue Testament entstand und sich die junge Kirche in mehreren Phasen mit der Zusammensetzung auseinandersetzte (v. a. bis zum 4. Jh.), gab es diese Erkenntnisse noch nicht. Ausschlaggebend für die Reihenfolge war vielmehr das Kriterium der Apostolizität. Während die Autoren von Matthäus und Johannes als die Apostel angesehen wurden, deutete man Markus und Lukas als Apostelschüler (Markus als Dolmetscher des Petrus, Lukas als Begleiter des Paulus). Weitere Kriterien: das Alter (nach damaliger Ansicht), Umfang und Verbreitung sowie die Übereinstimmung mit dem Alten Testament. Der hl. Augustinus (354–430) begründete die Reihenfolge so: Matthäus ist das älteste Evangelium, Markus eine Kurzfassung davon; Lukas erscheint als Erweiterung des Markus. – Den besonderen Charakter des Johannes-Evangeliums, das Ereignisse eher spirituell-theologisch beschreibt, hat man schon früh erkannt, deshalb steht es an vierter Stelle.

November 2018

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Pater Thomas Heck

Bibliolog- und Bibliodramaleiter, Seelsorger für Cursillo, tätig in der Erwachsenenbildung und seelsorglicher Begleitung

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