Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Darf ich mich trennen?

Wir haben vor zehn Jahren geheiratet, auch kirchlich, und haben zwei Kinder. Ich bin gläubig, versuche als gute Christin durchs Leben zu gehen. Mein Mann ist sehr aufbrausend, oft ungerecht – auch den Kindern gegenüber. Kurzum: Die Trennung ist für mich der letzte Ausweg. Aber ich tue mich schwer, schließlich habe ich vor Gott ewige Liebe und Treue geschworen. Was soll ich tun?

Ich weiß nicht, ob Sie wissen, was eine „Crux“ ist? Das ist ein in der Sprachwissenschaft beheimateter Begriff für Textstellen, die so schlecht überliefert sind, dass man sie nicht rekonstruieren oder übersetzen kann. Eigentlich stellen sie ein unlösbares Problem dar. Eine solche „Crux“ ist Ihre Situation. Sie dürfen von mir nicht erwarten, dass ich Ihnen sage: „Wenn es nicht mehr geht, dann gehen Sie.“ Sie dürfen mir aber auch glauben, dass ich weiß, dass es manchmal einfach nicht mehr geht und Ihr Satz „Trennung ist für mich der letzte Ausweg“ sehr wahr sein kann. Sie sind in einem Dilemma, das viele in unserer Kirche sehr wohl erkannt haben, es aber derzeit auch nicht lösen können. Menschen lernen sich kennen und lieben, entscheiden sich für ein gemeinsames Leben. Sie geben sich das Ja-Wort, vor Gott und seiner Kirche. Sie tun dies alles nach bestem Wissen und Gewissen, vollkommen überzeugt und im Feuer des Anfangs, auch nach reiflicher Überlegung und vor allem in ehrlich empfundener Liebe. Und dann kommt der Alltag, Veränderungen, und alles wird anders.

Da können die hehren Worte vor dem Altar – „Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens“ – zu einer unerträglichen Last werden. Dennoch, wir Katholiken haben die Ehe zu einem Sakrament erhoben, das auf vier Säulen steht: Unauflöslichkeit, beiderseitige Treue, Wohl der Partner und Zeugung von Nachkommenschaft. Der sakramentale Charakter ist unauslöschlich! Deshalb akzeptieren wir ja auch keine Scheidung, sondern nur eine Annullierung, was heißt, dass im Nachhinein festgestellt wird, dass eine Ehe niemals gültig geschlossen wurde. Das sind die Fakten. Als „guter und konformer“ Priester müsste ich Ihnen jetzt zwei Alternativen aufzeigen: Entweder Sie bleiben in Ihrer schwierigen Beziehung und ertragen, was Sie zu ertragen haben. Oder Sie versuchen, Ihre Ehe annullieren zu lassen, damit alles seine „katholische Richtigkeit“ hat.

Als der Priester, der ich nun einmal bin und der ich gerade durch Erfahrungen in diesem Bereich geworden bin, rate ich Ihnen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen (begleitete Gespräche, Paartherapie usw.) und dann eine Entscheidung zu treffen, mit der Sie selbst leben können und die wieder Luft zum Atmen gibt, auch im Hinblick auf Ihre Kinder. Es tut mir leid, dass ich Ihnen hier nicht in aller Deutlichkeit sagen kann, was richtig und was falsch ist. Unsere Welt ist zu komplex, und Gott ist viel größer als unsere Gesetze, Theologien und Vorschriften. Da war mal einer, der wollte, dass wir über das Gesetz hinausgehen und Liebe und Barmherzigkeit walten lassen. Ein Hören auf das, was er zu sagen hat, wäre bitter nötig.

Mai 2018

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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