Ratgeber - Glaubenspraxis

Die Flüchtlinge machen mir Angst

Ich muss gestehen, dass mir die vielen Flüchtlinge in unserem Land Angst machen. Es wird ihnen viel Aufmerksamkeit und Geld gegeben, das an anderen Orten doch fehlt. Aber wenn ich das äußere, werde ich schnell in eine rechte Ecke gestellt, in die ich absolut nicht gehöre. Also sage ich gar nichts mehr und habe das Gefühl, nicht mehr dazuzugehören …

Die Frage der vielen Flüchtlinge in unserem Land ist eine ganz vielschichtige. Wir stehen vor Herausforderungen, die sehr schwierig sind und viel Geschick erfordern. Unser Grundgesetz sagt, dass wir Menschen Obhut geben müssen, die verfolgt werden und deren Leben bedroht ist. Das ist eine Vorgabe, die klar und deutlich ist. Eine andere Frage ist es, festzustellen, wer wirklich in dieser Situation ist. Wenn so viele Menschen – wie derzeit – in unser Land kommen, ist es gut zu verstehen, dass man sich Gedanken macht und auch eine gewisse Angst hat. Natürlich kostet die Aufnahme dieser Menschen viel Geld. Und an anderen Orten werden die großen Sparprogramme beschworen. Das muss man ansprechen dürfen, ohne in eine Ecke gestellt zu werden. 

Wir Deutschen denken viel zu oft in Schwarz und Weiß und kennen keine Nuancen mehr. Die Fähigkeit, eine Lage differenziert und vernünftig zu beleuchten, ist uns irgendwie abhanden gekommen. Ganz oft gibt es nur noch ein Für oder ein Wider. Das ist grundlegend falsch. Und so erleben wir die Extreme: Da zünden Neonazis Flüchtlingsheime an, und auf der anderen Seite arbeiten Freiwillige Tag und Nacht, damit unsere neuen Mitbewohner ein Dach über dem Kopf haben, bekleidet sind und etwas zu essen haben. Was wir in unserem Land brauchen, ist eine wirkliche Debatte darüber, wie wir all die neuen Mitbürger bei uns integrieren. Wir können und dürfen nicht jahrelang improvisierte Lager betreiben. Die Menschen müssen in Wohnungen, sollen Deutsch lernen und arbeiten; die Kinder brauchen Kindergartenplätze oder schulische Bildung. Ja, das kostet, aber es gibt in dieser Frage wirklich keine Alternative. 

Aber zurück zu Ihrem Problem: Sie sollen und dürfen die auf der Hand liegenden Fragen ansprechen! Meine Erfahrung ist, dass eine klare und betont problemorientierte Offenheit sehr hilfreich ist. Wir dürfen darüber klagen, dass in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens wenig gemacht wird, aber für die zu uns kommenden Fremden plötzlich Geld da ist. Aber wir dürfen und können auch sagen, dass das Schicksal von Hilfsbedürftigen jetzt erst einmal oberste Priorität hat. Alle diejenigen, die Sie mit Ihren Fragen kritisieren, sind ganz sicher noch nicht von den Einschnitten betroffen, die die öffentliche Hand zugunsten der Fremden macht. Wäre dies so, wäre der Ton ganz anders. Mit Ihren Sorgen denken Sie weiter als naive Gutmenschen, die so lange Gutmenschen sein werden, wie es nicht an ihre Existenz geht. 

Die jetzige Situation kritisch zu betrachten hat nichts mit „rechtem Denken“ zu tun; es ist eine vernünftige Art, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Die Fragen sind da, und es ist eine große Aufgabe, diese Fragen anzugehen und Lösungen zu suchen. Alles wird davon abhängen, wie wir die neuen Mitbürger in unsere Kultur und Welt integrieren werden. Wenn Sie das in Ihrem Freundeskreis zum Thema machen, dann ist das rechtens. Echte Freunde sollten das aushalten können.

April 2016

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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