Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Einen Papst für jeden Geschmack?

Bei meinem Frauenstammtisch gibt es seit einiger Zeit immer wieder eine Diskussion um unseren neuen Papst. Die einen finden ihn toll, weltoffen, liberal. Die anderen meinen, er gehe zu weit, sollte nicht so „burschikos“ auftreten. Warum fällt es nur so schwer, den Papst so zu nehmen, wie er ist?

Das Thema ist so alt wie das Papsttum selbst. Immer haben Päpste Sympathien auf sich gezogen oder Grund zur Abneigung gegeben. Es wird nie so sein, dass ein Mensch in diesem Amt allen gerecht werden kann. Das liegt in der Natur der Sache. Wir Menschen sind vollkommen verschieden, und wenn wir auch ein Bild von einem „Parade-Papst“ haben, so ist es immer doch ein ganz konkreter Mensch, der dieses Amt innehat und es so ausführt, wie er es kann, wie er es versteht und wie er es für richtig hält. Papst Franziskus hat sicherlich Seiten, die wir in diesem Amt so bisher nicht kannten. Er macht Aussagen, die von einem Papst noch nie zu hören waren, einmal ganz abgesehen von seinen Gesten, die das bisher Gewohnte sprengen. In seinem ersten Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ sagt er, dass der römische Pontifex nicht zu allem in der Kirche etwas sagen muss, dass die Ortsbischöfe vieles selbst regeln können und sollen. 

Er macht auch die bemerkenswerte Aussage, dass päpstliche Stellungnahmen diskutiert werden können und sollen. Solche Worte sind noch nie von Rom vernommen worden. Viele können gerade damit nicht umgehen, weil es heißt, dass wir in allen Ebenen der Kirche umdenken müssen und auch einmal selbst denken müssen. Der Papst hat den Mut, etwas aus der Hand zu geben und andere damit zu betrauen. Es ist sehr einfach, sich immer auf eine höhere Autorität beziehen zu können. Das erleichtert vieles, denn ich trage in diesem Fall keine Verantwortung, sondern immer der andere, der so weit weg ist. 

Papst Franziskus dreht da an einer Schraube, die Verantwortung verschiebt und weitergibt. Und genau das ist nicht so einfach. Die einen lieben ihn dafür, und die anderen sind damit gar nicht zufrieden, weil sie alles so belassen wollen, wie es ist. Man kann ihn mögen oder nicht, daran wird keiner etwas ändern! Aber er geht seinen Weg, der von seiner Erfahrung geprägt ist, die er sich als Jesuitenoberer und Erzbischof von Buenos Aires in Argentinien angeeignet hat. Er weiß um die Zu- und Umstände in unserer Kirche. 

Die eine und klare Antwort für alles und jeden kann in dieser Welt niemand mehr geben. Unsere Welt ist plural, bunt, und ihre Probleme sind vielschichtig. Der Papst tut gut daran, die alten Strukturen aufzubrechen, auch wenn er damit manchen in Schrecken versetzt. Ja, er geht neue Wege und ist erfrischend anders. Das kann verunsichern, aber immer so weitermachen wie bisher hat uns kirchlicherseits dorthin geführt, wo wir sind. Und wir sind zumindest in unseren Breiten am Abgrund und an einigen Orten schon einen Schritt weiter.

April 2014

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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