Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Glaube ohne Kirche, geht das?

Es gibt einiges an der Kirche auszusetzen, und deshalb frage ich mich oft, ob ich nicht auch ohne sie ein christliches Leben führen kann.

Gerade in der heutigen Zeit hört man ganz oft: „Ich glaube sehr wohl an Gott, aber mit der Kirche habe ich es nicht so.“ Sicher haben Sie auch schon einmal den oft bemühten Satz gehört: „Im Wald, in der Natur kann ich genauso gut beten; eine Kirche brauche ich dazu nicht.“ Da ist sicher etwas dran. Natürlich kann man in der freien Natur ganz hervorragend beten, und niemanden sollte man daran hindern. Aber wenn wir vom christlichen Glauben sprechen, dann gibt es da noch andere Aspekte. Unser Glaube kann und darf niemals eine reine Privatsache sein. Er ist auch privat, aber christlicher Glaube ist nie nur auf den Einzelnen bezogen. Ich weiß, dass viele Gläubige hier zunächst einmal aufhorchen: „Wieso ist mein Glaube nicht allein meine Sache?“ 

Die Frage ist berechtigt, aber sie ist auch schnell beantwortet: Christlicher Glaube geht ohne eine gelebte Gemeinschaft nicht. Kirche ist eine solche Glaubensgemeinschaft im Großen und im Kleinen, als Weltkirche und als Pfarrei und im Idealfall auch als Hauskirche, als Familie. Es geht nicht anders, weil wir zwei gleichberechtigte Gebote als die ersten und wichtigsten mit auf den Weg bekommen haben: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft. Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden“ (Mt 12,30–31). Wie könnte ich da den Glauben als alleinige Sache zwischen mir und meinem Gott ansehen? Blende ich den Nächsten aus, dann entziehe ich dem Gebot der Nächstenliebe den Boden. 

Kirchliche Gemeinschaft ist nicht immer einfach. Man muss sich arrangieren, muss Kompromisse finden, muss Streitigkeiten aushalten und auch beilegen können. Aber all das gehört zum christlichen Glauben und ist nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern gehört zur Substanz, zum innersten Kern unseres Glaubens. Die Heilige Schrift spricht vom Leib Christi in dreifacher Weise: Vom historischen Jesus, der auf dieser Erde 33 Jahre „leibhaftig“ lebte; von der Eucharistie und von der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche, die nicht nur den Leib repräsentiert, die vielmehr der „Leib“ ist. Wer mit diesem Leib in Kontakt kommen will, der muss auch die Gemeinschaft der Gläubigen mit in Betracht ziehen und, mehr noch, sich in ihr engagieren und sie lieben. 

Aus all diesen Gründen ist die Frage, ob christlicher Glaube ohne Kirche möglich ist, ganz einfach zu beantworten: Nein! Gott will keine einsamen Frommen, sondern eine lebendige Gemeinschaft, die sich das Leben gegenseitig lebbarer und gottgefälliger gestaltet.

Januar 2015

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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