Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Ich schaffe die Grabpflege nicht mehr

Ich habe vor Kurzem meinen Mann verloren. Für mich war klar, dass ich das Grab nicht mehr lange pflegen kann, weil ich auch schon alt bin. Und meinen Kindern will ich das nicht zumuten. Deshalb habe ich eine Gärtnerei beauftragt. Meine Freundinnen machen mir deswegen ein schlechtes Gewissen. Zu Recht?

Es ist eine Tatsache, dass sich unsere Grabkultur gewaltig geändert hat. Das hat vor allem damit zu tun, dass sich unsere Gesellschaft durch eine größere Mobilität und Flexibilität in den letzten Jahrzehnten den Gegebenheiten der Arbeitswelt anpassen musste. Die kleinen Gemeinden, in denen Generationen einer Familie zusammenwohnten und arbeiteten, gehören meist der Vergangenheit an. Die Kinder müssen sehen, wo sie ihre beruflichen Ziele verwirklichen. Und ganz oft ist das nun einmal nicht der angestammte Heimatort, wo Vater oder Mutter beerdigt sind. Da ist es nur recht, dass andere Möglichkeiten gesucht und auch gefunden werden. 

Es ist ganz sicher nichts Ehrenrühriges, die Grabpflege einem ortsansässigen Gärtner zu übertragen, wenn dahinter die weise Einsicht steht, dass man es selbst auf Dauer nicht mehr machen kann. Auf der anderen Seite ist das Grab für sehr viele Menschen ein Ort der Trauerbewältigung. Dort kann man verweilen, kann ungestört reden, beten, auch etwas tun, die Pflanzen pflegen und hegen. 

Aber wir Menschen sind nicht gleich und die Bedürfnisse sind ganz verschieden. Dem einen ist es unentbehrlich, sich um das Grab seines nahen Verwandten zu kümmern; einem anderen genügt der gelegentliche Besuch. Auf alle Fälle sollte die Pflege des Grabes nicht zum Gradmesser von Zuneigung und Liebe werden. Die „Rosen“, die man im Leben verschenkt hat, sind die wichtigen und auch die bleibenden. Das ist nur ein kleines Wort an uns alle, damit wir im Leben „Rosen“ zueinander tragen, wo sie Freude bereiten und wirklich sichtbar sind. Auf den Gräbern, wie schön sie dann auch aussehen mögen, stehen alle diese Blumen vergebens. 

Liebe braucht Leben. Die Gräber sind dann ganz oft Orte, wo das nachgeholt wird, was im Leben vielleicht zu kurz kam. Das muss nicht so sein, aber oft ist es einfach so. Gräber sind und bleiben Orte der Erinnerung. Ich habe auf alle Fälle die Erfahrung gemacht, dass sie etwas anrühren, was eigentlich einen Platz in meinem Herzen hat. Dort ist der eigentliche Platz des Erinnerns, obwohl ich das physische Grab nicht missen möchte und es gerne habe, wenn es schön gestaltet ist. Wer sich aber um dieses Gestalten kümmert, das ist wirklich zweitrangig. Wichtig ist immer das eine: die liebende Erinnerung; der bleibende Wert eines kostbaren Lebens.

November 2014

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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