Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Kann Abtreibung dieses Jahr vergeben werden?

Alle Priester der katholischen Kirche dürfen im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit von der Sünde der Abtreibung lossprechen. Und im nächsten Jahr geht das nicht mehr. Das hört sich wie ein ’'Sonderangebot'‘ an.

Zum besseren Verständnis muss ich vorausschicken, dass Abtreibung laut Kirchenrecht nur von Bischöfen zu bestimmten Zeiten und Anlässen im Kirchenjahr vergeben werden kann. So ist der Normalfall. Jetzt hat aber Papst Franziskus verfügt, dass während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit, also bis zum 20. November, jedem Priester die Vergebung erlaubt sei.

Diese Verfügung wirft natürlich etliche Fragen auf. Wieso kann eine Vergebungsmöglichkeit auf ein Jahr beschränkt sein? Wie wird hier ganz allgemein mit der Barmherzigkeit Gottes umgegangen? Haben wir wirklich die Macht, Gottes Barmherzigkeit einzuschränken oder auch zu erweitern? Das sind alles sehr berechtigte Fragen. Ich habe keinen einzigen Kommentar zu diesem Thema gefunden, der diese Verfügung verstanden hat. Und dennoch möchte ich eine Lanze für die Äußerung des Papstes brechen. Was die Abtreibung angeht, so muss jeder, der sich damit beschäftigt, ganz dicke Bretter bohren. Es ist weder richtig zu sagen, dass jegliche Abtreibung Mord ist, noch ist es richtig, eine Abtreibung auf die leichte Schulter zu nehmen. Dazwischen liegen Recht und Gesetz und auch Gottes Wille. Und genau das alles ist so unsagbar schwierig zu entscheiden und zu beurteilen. Die einfachen Schwarz-Weiß-Antworten sind nicht dazu in der Lage, den Einzelfall zu beurteilen. 

Papst Franziskus weiß um die Not der Frauen, die sich zu einem solchen Schritt entschließen, und so schreibt er: „… Ich weiß um den Druck, der diese Frauen zu dieser Entscheidung geführt hat.“ Abtreibung „sei eine existentielle und moralische Tragödie“ und: Schwangerschaftsabbrüche sind „zutiefst ungerecht“. Auch wenn er keiner für uns erkennbaren Logik folgt, so öffnet der Papst doch den Weg für mehr Barmherzigkeit, wenn er diese Erlaubnis im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit gewährt. Es ist nicht die letzte Lösung für ein unsagbar schwieriges Thema, aber es ist ein erster Schritt in eine Richtung, die nicht mehr nur verdammt, sondern Vergebungsbereitschaft ohne großen Aufwand signalisiert. Es ist ein Schritt hin zu Menschen, die in tiefsten und unauslotbaren Miseren stecken, die wir uns meist gar nicht vorstellen können. Und darüber zu urteilen, sollte sich keiner trauen. Viel zu lange haben wir es getan. Und jetzt rudert Franziskus zurück. Dass das unbeholfen wirkt, mag sein; aber es ist großartig und bewundernswert. Und ein Anfang, der vielleicht das verspricht, was wir doch alle scheinbar sehnlichst erhoffen: Barmherzigkeit!

Juli 2016

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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