Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Kirchliche Bestattung für Selbstmörder?

Im Religionsunterricht habe ich noch gelernt, dass Suizid eine Todsünde ist und Menschen, die sich selbst das Leben nehmen, nicht kirchlich bestattet werden dürfen. Gilt das nicht mehr?

Was mir an dieser Frage nicht behagt, ist der Begriff „Todsünde“. Theologisch gehört er in eine längst vergangene Zeit, die Gott wie einen „Buchhalter“ dachte und jegliches von einer präzise beschriebenen Norm abweichendes Tun in „Sündenregistern“ erfassen wollte. So klein denken wir Gott heute nicht mehr. Sollte der Begriff „Todsünde“ ewige Verdammnis meinen, maßen wir uns eine Beurteilung über Gott an, die völlig aus dem Rahmen unserer Möglichkeiten fällt. Ein kluger Mann hat einmal gesagt, dass Selbstmörder meist aus einer einzigen Motivation heraus diesen Schritt tun: Sie wollen sich vor weiteren Verletzungen ihrer Seele schützen. Sie können sich nicht vorstellen, noch eine Verwundung ihres Lebens zu ertragen – gleich, ob sie selbst oder andere die Verantwortlichen dafür sind. Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, diesen Schritt zu unternehmen? 

Ich habe in meinem Leben einige Selbstmorde erlebt: Obwohl das Zerstören von Leben objektiv gesehen immer gegen den Plan Gottes geht und somit auch Sünde ist, kam mir dieser Gedanke nur schwerlich in den Sinn. Sünde ist auch immer ein Akt, der der menschlichen Freiheit entspringt. In Anbetracht der verfahrenen und verzweifelten Situation, in der sich solche Menschen vor diesem Schritt befinden, kann man schwerlich von einer freien Entscheidung sprechen. Deshalb ist auch der Begriff „Freitod“ irreführend. Es ist keine wirkliche Wahl; es ist eher eine Art von Krankheit/Verfahrenheit, die unweigerlich zu diesem Tode führt und führen muss.

Was die kirchliche Bestattung angeht, so ist sie in meinen Augen eine „heilige Pflicht“. Gleich, wie der betreffende Mensch gelebt hat, er hat sich sein Verletztsein, sein Geschundensein, seine Verfahrenheit so nicht ausgesucht. Er wäre auch lieber stark und glücklich gewesen. Da hat niemand aus unseren kirchlichen Kreisen das Recht, ihm einen Abgang in Würde und aller christlichen Hoffnung von der Bühne dieser Welt zu verwehren.

Dezember 2014

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Schreiben Sie Pater Fabian Conrad

stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland

Oder schicken Sie eine Nachricht

Psychologin

Schwester Michaela Leifgen SSpS

Psychologin (Lic.), Psychologische Begleitung von Menschen im Dienst der Kirche

Rat in der Glaubenspraxis

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Theologischer Experte

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Theologischer Experte

Pater Thomas Heck

Bibliolog- und Bibliodramaleiter, Seelsorger für Cursillo, tätig in der Erwachsenenbildung und seelsorglicher Begleitung