Ratgeber - Glaubenspraxis

Sind Prozessionen heute noch zeitgemäß?

Fronleichnamsprozessionen sind mir immer ein bisschen peinlich. Wenn ich mitgehe, habe ich das Gefühl, die Leute am Rand drehen sich verlegen weg. Sind solche „Zur-Schau-Stellungen“ von frommen Anliegen in der Öffentlichkeit heute noch zeitgemäß?

Es mag schon sein, dass viele Zeitgenossen eine Prozession zu Fronleichnam altmodisch finden. Vielleicht ist es auch die Form des Brauches, die manche irritiert, doch das ist sicher regional unterschiedlich. 

Auf der anderen Seite ist es sehr modern und durchaus üblich, auf die Straße zu gehen, wenn man einem Anliegen Ausdruck verleihen will. Das ist genau das, was Christen mit einer solchen Prozession wollen: Ihrem Glauben Ausdruck verleihen, dass Christus, das menschgewordene göttliche Wort, mit dieser Welt sehr viel, ja eigentlich alles zu tun hat. Fronleichnam steht am Ende der großen Feste des Kirchenjahres. Alles ist gefeiert und gesagt worden. Jetzt nimmt man seinen Gott und trägt ihn hinaus in die Welt, um zu zeigen, dass all das, was innerkirchlich gefeiert wurde, sehr wohl etwas mit dem zu tun hat, was „draußen“ passiert. So sehe ich dieses Fest und nicht anders. 

Wir bündeln noch einmal die Menschwerdung, das Leiden, das Auferstehen, die Himmelfahrt, die Geistsendung, das Mahl der Eucharistie als große Erinnerung an all diese Geheimnisse. Und jetzt tragen wir ihn hinaus, in unsere Welt, in die Fluren und Äcker, in unsere Straßen und zu unseren Häusern, um immer wieder das zu sagen, was uns wichtig ist: Gott ist ein Gott des Lebens und der Menschen! Er bleibt nicht in seiner Kirche, nicht in seinem kleinen, sakralen Raum; er öffnet sich für alle, die nach ihm fragen, die sich nach ihm sehnen. 

Es ist noch nicht lange her, da hatte ich den Eindruck, dass diese Prozessionen willkommene Anlässe waren, hinauszugehen. Es gab viele junge Familien, die mit ihren Kindern an den blumengeschmückten Altären verweilten. Es war so eine Art Familienfest, eine Feier, die aus dem sonntäglichen Einerlei der Gottesdienste herausstach und etwas Besonderes war. 

Ganz sicher hat eine mehr auf ländliche und landwirtschaftliche Kultur fixierte Gesellschaft einen ganz anderen Bezug zu solchen Riten. Dort wird der Segen der Scholle ausdrücklich gewollt. Aber auch in den städtischen Gemeinden kann man, wenn es gut vorbereitet ist, dem Gehen durch die Straßen einen Sinn abgewinnen. Gott, mit seiner Botschaft vom Heil des menschlichen Daseins, ist nirgendwo fehl am Platz. Der Wille zum Guten zählt hier wie dort, hat Bestand im Ländlichen und Städtischen, ist Zuflucht in jeglichem menschlichen Dasein. Und wenn wir das, was wir das Heiligste nennen, in die Räume tragen, die unser Leben ausmachen, dann darf und muss das nicht peinlich sein. Wir geben dem Glauben Ausdruck, dass Gott etwas mit dem zu tun hat, was uns zutiefst am Herzen liegt: dem Leben in all seinen Formen und Facetten.

Mai 2016

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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