Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Unser Sohn ist homosexuell - was jetzt?

Zu Ostern kam unser studierender Sohn für ein paar freie Tage nach Hause. Er brachte einen jungen, sympathischen Mann mit, den er uns als seinen Lebenspartner vorstellte. Mein Mann und ich sind geschockt und wissen nicht, wie wir mit dieser vollkommen überraschenden Situation umgehen sollen

Es ist absolut verständlich, dass Sie und Ihr Mann zunächst einmal – gelinde gesagt – verunsichert sind, da Sie möglicherweise andere Erwartungen an Ihren Sohn und seine Zukunft haben als eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft: Sie hätten sicherlich gerne Enkelkinder und die Fortführung Ihres eigenen Lebensentwurfs. Jetzt hat Ihr Sohn diese Erwartungen und Hoffnungen zunächst einmal durchkreuzt. Vom Umgang mit dieser Situation hängt für Sie viel ab. Sollten Sie rigorose Ablehnung zeigen, befürchte ich, dass Ihr Familienzusammenhalt und  -frieden sehr gefährdet sind, was Sie 
sicherlich nicht wollen. 

Akzeptieren Sie die neue Beziehung Ihres Sohnes, ohne Ihre Bedenken anzumelden, laufen Sie Gefahr, Ihre Überzeugungen zu verraten, was Sie natürlich auch nicht wollen. Ganz sicher ist es sehr wichtig, dass Sie mit Ihrem Sohn – gleich wie schwer Ihnen das auch fallen mag – vernünftig und in jeglicher Hinsicht auch verständnisvoll reden und umgehen. Ihren Standpunkt, Ihre Meinung und Ihre Überzeugungen dürfen und müssen Sie sagen, aber diese Offenheit darf nicht zu Spaltung und Unverständnis führen, denn dann steht ein viel höheres Gut auf dem Spiel: der Familienfrieden!

Überzeugungen können spalten und trennen, das steht schon im Neuen Testament. Es ist aber die Frage, welche das sind. Und dazu gehört ganz sicher nicht die sexuelle Orientierung eines Menschen. Die Kirche selbst ringt in heutiger Zeit um Antworten, was diese Fragen der menschlichen Freiheit und auch Bedingtheit angeht. Die Zeiten einer vermeintlichen absoluten Klarheit in Bezug auf diese grundlegenden Fragen, die den Menschen, die Schöpfungsordnung und die Freiheit des Christenmenschen betreffen, sind definitiv vorbei. Es geht in keiner Weise um eine Verweichlichung der Lehre unseres Glaubens, aber sehr wohl um ein tieferes Verständnis von dem, was Gott und Mensch verbindet. Und gerade die menschliche Freiheit ist ein Ort, an dem sich glaubendes Handeln zu beweisen hat. Glaube findet nicht dort Ausdruck, wo er „über Leichen geht“, sondern ganz sicher dort, wo Leben ist, sein darf und immer wieder neu entsteht. 

In diesem Sinn ist der Zusammenhalt und der Friede in einer Familie die Erfüllung des Willens Gottes. Alle Ideale können da so gut wie nie verwirklicht werden. Wer das verlangt, handelt unmenschlich und bewegt sich außerhalb von dem, was dem Gott Jesus angemessen ist. Meistens steckt doch Angst hinter all unseren Bedenken; die Angst, einem Grundsatz, einem Gesetz nicht gerecht zu werden. Genau dieses Gefühl der Angst hat Jesus nicht gewollt. Theologisch gesprochen ist die Angst, Dinge anzusprechen, die uns auf der Seele brennen, nichts anderes als Sünde.

Juni 2014

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Schreiben Sie Pater Fabian Conrad

stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland

Oder schicken Sie eine Nachricht

Psychologin

Schwester Michaela Leifgen SSpS

Psychologin (Lic.), Psychologische Begleitung von Menschen im Dienst der Kirche

Rat in der Glaubenspraxis

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Theologischer Experte

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Theologischer Experte

Pater Thomas Heck

Bibliolog- und Bibliodramaleiter, Seelsorger für Cursillo, tätig in der Erwachsenenbildung und seelsorglicher Begleitung