Ratgeber - Rat in der Glaubenspraxis

Wie erkläre ich die Erbsünde?

Meine Nichte kann nicht glauben, dass der Mensch mit einer Erbsünde auf die Welt kommt. Wie kann ich ihr das erklären?

 

Ich kann Ihre Nichte in ihren Zweifeln sehr gut verstehen! Die Begriffe „Erbsünde“ und „Erbschuld“ sind beide heute sehr schwierig zu verstehen und zu erklären. Der Anfangspunkt dieser kirchlichen Lehre liegt in biblischen Erzählungen wie der Geschichte vom Sündenfall, der Vertreibung aus dem Paradies, dem Brudermord des Kain, dem Turmbau zu Babel und anderen Erzählungen, in denen uns berichtet wird, wie der Mensch sich unberechtigt in Bereiche vorwagt, die nicht ihm vorbehalten sind. Es geht in diesen Texten immer darum, das Böse in der Welt zu erklären und so der Spannung zwischen einer guten Schöpfung und den Verirrungen des Menschen Rechnung zu tragen.

Im Kern geht es darum, dass der Mensch die Möglichkeit hat, frei zu entscheiden, wie er handelt. Dieser freie Wille birgt jedoch die Gefahr, dass der Mensch sich von dem, was gottgewollt ist, entfernt. Solch ein Verhalten nennen wir „Sünde“ oder „Schuld“. Schwierig zu verstehen ist, dass jeder Einzelne verantwortlich ist für das, was ein anderer in längst vergangenen Zeiten getan hat. Aber wir alle leben nicht im Paradies, sondern in der Welt, die Gut und Böse als zwei Seiten der einen Medaille kennt. Dies ist, um es mit anderen Worten zu sagen, unser Erbe.

Trotz aller Schwierigkeiten mit der Begrifflichkeit dieser Lehre birgt sie einen sehr schönen und tröstenden Gedanken: Wir Menschen sind in jedem Falle in die Erlösungstat unseres Herrn Jesus Christus hineingenommen. Es gibt das nicht auszulöschende Angebot Gottes, immer wieder auf den Menschen zuzugehen. Wenn wir unser Leben danach ausrichten, dann sind auch die unvermeidlichen Fehler unseres Daseins in Gottes Hand geborgen.

Es ist leider eine Tatsache, dass in unseren offiziellen Gebeten und Gottesdiensten der Mensch sehr oft und immer wieder einseitig nur als das sündige und erlösungsbedürftige Geschöpf dargestellt wird. Nicht wenige Gläubige leiden darunter und haben Probleme, so zu beten. Hier wäre ein Umdenken vonnöten. Der Mensch braucht Zuspruch und Ermutigung, um von sich aus auf der Seite Gottes zu stehen. Zum fröhlich gläubigen Menschen gehört auch, dass er seine guten und kreativen Seiten kennt und leben lernt. Diese sind auch „Erbe“, das wir besser kennenlernen sollten.

Dezember 2018

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Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

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