Ratgeber - Seelsorge

Ihr sollt euch nicht Vater nennen lassen

Wie steht es mit dem klaren Wort Jesu, wir sollen uns weder Meister noch Vater nennen lassen, da nur Gott unser Vater ist?

Diese Worte Jesu bedeuten, dass man keinen Menschen auf Erden in einem absoluten Sinn als Vater (oder als Lehrer oder als Führenden) anerkennen sollte, dem man absolute Folgsamkeit schuldet, was allein Gott und Christus gebührt. Sie bedeuten aber nicht, dass es verboten ist, jemanden als Vater (oder Lehrer oder Führenden) zu bezeichnen und anzuerkennen, wenn damit keine solche Verabsolutierung verbunden ist. Denn: Jesus und die Apostel verwenden im Neuen Testament den Vatertitel nicht nur zur Bezeich­nung Gottes, sondern auch zur Bezeichnung menschlicher Väter. So sagte Jesus: „Ehre Vater und Mutter“ (Mt 19,19).

Der Evangelist Lukas bezeichnet den menschlichen Pflegevater Jesu, den heiligen Josef, ohne Scheu als Jesu „Vater“, wenn er im Anschluss an die Prophezeiungen des greisen Simeon über das 40 Tage alte Jesuskind schreibt: „Sein Vater und seine Mutter wunderten sich über das, was über ihn gesagt wurde“ (Lk 2,33). Auch Maria, die Mutter Jesu, bezeichnete ihren Mann Josef, den Pflegevater Jesu, als Jesu Vater, als sie den seit drei Tagen vermissten Jesus im Tempel wiederfand: „Kind, wie konntest du uns das antun? Siehe dein Vater und ich suchen dich voller Angst“ (Lk 2,48). Im 1. Johannesbrief redet der Apostel Johannes zweimal ausdrücklich die „Väter“ unter seinen Lesern an: „Ihr Väter, ich schreibe euch ...“ (1 Joh 2,13); „Ihr Väter, ich habe euch geschrieben ...“ (1 Joh 2,14).

Auch im übertragenen Sinn werden Menschen im Neuen Testament als „Väter“ bezeichnet. So erklärt Paulus, man solle einen älteren Menschen nicht schelten, sondern ihn bitten „wie einen Vater“ (1 Tim 5,1). Petrus sprach vom „Gott unserer Väter“ (Apg 3,13). In einem Gebet der ersten Christen heißt es: „Du hast gesprochen ... durch den Mund unseres Vaters David“ (Apg 4,25). Jakobus erinnerte daran, wie „Abraham, unser Vater“ gerechtfertigt wurde (Jak 2,21).

In diesem Sinn wird Abraham von Paulus sogar als „Vater aller Glauben­den“ (Röm 4,11) und „unser aller Vater“ (Röm 4,16) bezeichnet. Paulus sah sich sogar selbst als geistigen „Vater“ der von ihm bekehrten Christen: Den Thessalonichern schrieb er, er habe jeden Einzelnen ermahnt „wie ein Vater seine Kinder“ (1 Thess 2,11; vgl. 1 Thess 2,7). Die Christen von Korinth bezeichnete er in 1 Kor 4,14 als „meine geliebten Kinder“ und fügte hinzu, sie hätten nur „wenige Väter“, und als einen von diesen geistigen Vätern betrachtete sich Paulus offenbar selbst. Im Einklang bezeichnete er seinen Schüler Onesimus als „Kind, das ich gezeugt habe“ (Phlm 10) und redete die Christen in Galatien als „meine Kinder“ an (Gal 4,19).

Die An­rede „meine Kinder“ benutzte auch Johannes (1 Joh 2,1). So dürfte für die Leser der Paulus- und Johannesbriefe wohl auch die Gegenanrede „unser Vater Paulus“ und „unser Vater Johannes“ in Betracht gekommen sein. Und wenn Paulus seinen Schüler Timotheus als „Kind Timotheus“ (1 Tim 1,18) und „mein Kind“ (2 Tim 2,1) anredete, kann man sich vorstellen, dass Timotheus geantwortet hat: „Vater Paulus“.

Dass die direkte Anrede von kirchlichen Amtsträgern als „Vater“ im Neuen Testament nicht ausdrücklich vorkommt, dürfte also wohl darauf zurückzuführen sein, dass die neutestamentlichen Schriften nur die Briefe der Apostel und Vorsteher an die Gemeinden enthalten, nicht aber die Briefe der Gemeinden an ihre Apostel und Vorsteher.

Januar 2020

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Pater Elmar Pitterle SVD

Magister der Theologie, war 25 Jahre als Missionar in Chile im Einsatz. Jetzt tätig als Pfarrer und seelsorglicher Begleiter. Mitarbeiter der ,,Gesprächsinsel“ Wien

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