Ratgeber - Theologischer Experte

Aus der Kirche austreten, aber Gott nahe sein?

In meinem Freundeskreis sprechen wir auch öfter mal über unseren Glauben. Aber immer wieder streite ich dabei mit Freunden, die aus der Kirche ausgetreten sind und behaupten: Wir müssen nicht in der Kirche sein, um an Gott zu glauben. Für mich gibt es das nicht. Wie sehen Sie das?

Was verstehen Ihre Freunde unter „an Gott glauben“? Verstehen sie darunter „die Existenz eines höchsten Wesens vermuten“, „annehmen, dass es schon irgendetwas Höheres geben wird“? Dann brauchen sie tatsächlich keine Kirche. Ich verstehe darunter: dem biblischen Gott vertrauen. Also: Erstens meine ich einen ganz bestimmten Gott, einen Gott, der durch Mose zu Israel gesprochen hat, der die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht, der ganz Partei für die Armen ist, der durch die Propheten seinem Volk eine konkrete Hoffnung für diese kaputte Welt eingepflanzt hat, der diese Hoffnung durch Jesus fulminant bekräftigt hat.

Und zweitens verstehe ich unter „Glauben“ nicht die „vage gedankliche Annahme einer irgendwie beschaffenen göttlichen Existenz“, sondern ein „Mich-drauf-Einlassen und -Verlassen“: auf seine Versprechungen, festen Zusagen, seine Pläne. „Ihn lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ „Seine Worte hören, wenn ich zu Hause sitze und auf der Straße gehe, wenn ich mich schlafen lege und wenn ich aufstehe.“ Und deshalb brauche ich meine jüdischen und christlichen Schwestern und Brüder, um mit ihnen gemeinsam die Bibel zu lesen, die Psalmen zu beten, mit ihnen gemeinsam einen Weg zu suchen, wie ihm heute zu antworten ist. Ich brauche sie, weil einer allein kein Fest zu feiern und nichts zu ändern vermag. Um „Weltveränderung“ im kleinen und im größten Maßstab geht es aber, und im Feiern fängt 
sie an.

Ja, ich brauche sie, weil ich meinen Glauben längst verloren hätte – ohne ihr Beispiel und Zeugnis. Ich wäre auch längst vor lauter Enttäuschung aus der „Kirche“ ausgetreten, hätte ich nicht sie, die „Kirche“.

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Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

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