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Darf man das Gebet Jesu korrigieren?

Die französischen Bischöfe haben die Bitte des Vaterunsers verändert: Lass uns nicht in Versuchung geraten. Bei uns in der Schweiz will man das jetzt auch ändern. Ich verstehe das nicht: Darf man das Gebet Jesu korrigieren?

Sachlich, theologisch ist eins völlig klar: Gott versucht nicht zum Bösen, weil das selber böse ist und Gott nichts Böses tut und tun kann, denn: „Gott ist Liebe“ (1 Joh 4,16b). So steht das auch klipp und klar, expressis verbis in der Heiligen Schrift: „Sag nicht: Wegen des Herrn bin ich abtrünnig geworden! Denn, was er hasst, wird er nicht tun. Sag nicht: Er hat mich in die Irre geführt! Denn er hat keinen Nutzen von einem sündigen Mann“ (Sir 15,11f).

Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt (Jak 1,13f). Umgekehrt ist grammatikalisch völlig klar: Sowohl in Mt 6,13a wie in Lk 11,4c steht in identischen griechischen Worten: „und führe uns nicht in Versuchung“.

ABER: Jesus formulierte das Vaterunser auf Aramäisch. Und hinter dem griechischen „führe uns nicht“ steht vermutlich ein aramäisches Wort, das sowohl aktiv („führe uns nicht“) wie kausativ („lass uns nicht geraten“) verstanden werden kann. Der Übersetzer steht vor der schwierigen Frage: Soll er korrekt aus dem Griechischen übersetzen oder sehr wahrscheinlich korrekt aus dem Aramäischen, was zugleich das sachlich Korrekte und Gemeinte wäre? Vor ähnlichen Entscheidungsfragen steht der Bibelübersetzer auf Schritt und Tritt; der Hund liegt eben im Detail.

April 2018

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