Ratgeber - Theologischer Experte

Ist der Kontakt mit dem Jenseits eine Sünde?

Was ist davon zu halten, in spiritistischen Sitzungen Kontakt mit den Verstorbenen aufzunehmen?

Wenn dieses „Geschäft“ von vielen Menschen nicht so ernsthaft betrieben würde, könnte man das Ganze genauso ernst nehmen wie den Versuch, aus dem Kaffeesatz die Zukunft zu lesen. Aber gerade wegen dieser Ernsthaftigkeit ist klar und deutlich zu sagen: Es ist schwer sündhaft, in spiritistischen Sitzungen zu versuchen, mit Verstorbenen Kontakt aufzunehmen. Es betrifft das 2. Gebot: „Du sollst den Namen deines Gottes nicht missbrauchen.“ (Ex 20,7) 

Solche und ähnliche Praktiken gehören in den Bereich des Okkultismus. Der Begriff kommt aus dem lateinischen „occultus“, geheim, verborgen. Der Okkultismus geht von der Vorstellung aus, mit uralten abergläubischen Praktiken, Ritualen und Beschwörungsformeln Kontakt mit kosmischen Kräften – was auch immer man darunter versteht – und der jenseitigen Welt aufnehmen zu können. Zugleich meint man, so über das Göttliche gebieten zu können und Macht ausüben zu können zum eigenen oder anderer Nutzen oder Schaden. Meistens bleibt es dann nicht bei diesen Praktiken, sondern es kommen andere spiritistische Praktiken hinzu wie Horoskop, Handlinienlesen, Tischerücken bis hin zu schwarzen Messen.

Ein häufiger Grund für solche Kontaktversuche kann Trauervermeidung sein. Wenn jemand in spiritistischer Sicht weiterhin mit einem Verstorbenen glaubt, direkten Kontakt aufnehmen zu können, braucht er sich auch nicht endgültig von ihm zu verabschieden. Da aber in Realität kein wirklicher Kontakt zustande kommt, durch die spiritistischen Praktiken aber ein solcher vorgetäuscht wird, bleibt es bei einer eigenartigen Zerrissenheit zwischen der Erfahrung der endgültigen Trennung im Tod und des eingebildeten Kontakts. Dadurch wird ein Neuanfang nach dem Tod eines geliebten Menschen verhindert. Die Vermeidung des Abschieds, der Trennung und der damit verbundenen schmerzhaften Trauer kann zu schweren depressiven Störungen führen.

Hier wird auch der Unterschied zwischen Trauer und Depression deutlich: In der Depression wird „nachgetrauert“, man hängt an der alten Situation, möchte sie festhalten, während in der Trauerarbeit die Situation losgelassen und der Schmerz zugelassen wird, um so für einen neuen Lebensabschnitt offen zu werden. Das braucht seine Zeit, Trauerzeit. Ganz gefährlich wird es, wenn aus „Kontakten“ mit Verstorbenen vermeintliche Botschaften „gehört“ werden: Ankündigung von Todesdaten, drohendem Unglück und anderen furchterregenden Ereignissen. Auf diese Weise kann man unterschwellig Macht über Menschen ausüben und sie manipulieren. 

Alles das ist letztlich der Versuch, mit menschlichen Mitteln in einen Bereich einzudringen, der allein Gott vorbehalten ist und wo die einzige legitime „Kontaktaufnahme“ das gläubige vertrauende Gebet ist. Im Gebet wird das Geheimnis respektiert und nicht in besitzergreifender Neugier eine Grenze überschritten, die zu respektieren der Geschöpflichkeit, also der Begrenztheit des Menschen entspricht. Im Gebet entlassen wir die Verstorbenen in das Geheimnis Gottes. Zugleich dürfen wir uns den Verstorbenen nahe wissen. Eine geheimnisvolle Nähe, die zutiefst gegründet ist in der geheimnisvollen Nähe Gottes, des Gottes der Lebenden und der Verstorbenen. 

März 2014

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Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

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