Ratgeber - Theologie

Kam das Christentum zu spät?

Das Christentum gibt es nunmehr seit (fast) 2000 Jahren. Warum ist der christliche Glaube erst so spät und nicht wesentlich früher entstanden?

Man könnte mit einer ähnlichen Frage antworten: Warum hat sich der Mensch erst so spät entwickelt? Wenn man den ganzen Entwicklungsprozess des menschlichen Lebens auf einem Zifferblatt der Uhr darstellen würde, so würde der Mensch erst ganz wenige Minuten vor zwölf dort erscheinen. Hätte „man“ das nicht schneller und früher haben können? „Früher“ oder „später“ sind, was die große Welt- und Zeitgeschichte betrifft, doch sehr relative Begriffe.

Wenn es um den weltgeschichtlichen Zeitpunkt des Erscheinens Christi geht, so gibt das Neue Testament keine exakte Datumsangabe, sondern eine Glaubensantwort: „Als aber die Fülle der Zeit kam, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau“ (Gal 4,4,). Die „Fülle der Zeit“ ist in sich jedoch auch keine echte Erklärung, denn sofort schließt sich die weitere Frage an: Und warum war die Zeit erfüllt? Spätestens hier wird deutlich, dass die „Fülle der Zeit“ eben nicht als eine konkrete Zeitangabe zu verstehen ist, sondern dass sie ein Glaubensbegriff ist, der besagt, dass Gott die Zeit für gekommen sah, sich endgültig den Menschen zu offenbaren. Auch wenn das Christus-Ereignis zu einem bestimmten Zeitpunkt stattfand, so will der Ausdruck „Fülle der Zeit“ diesen Augenblick ganz im göttlichen Heilswillen festmachen. 

Es gibt eine Sicht der Dinge, die die ganze Menschheitsgeschichte als einen Gewöhnungsprozess Gottes ansieht: Gott musste die Menschen langsam an sich gewöhnen (göttliche Pädagogik), sodass zur Zeit Jesu wirklich der Moment gekommen war, sich ganz den Menschen zu zeigen. Johannes der Täufer sollte die Menschen darauf vorbereiten. In ihm wurde der prophetische Geist, der scheinbar in Israel erloschen war, wieder lebendig. Jesus selbst sah sich so zunächst in Fortsetzung der Sendung Johannes des Täufers als Erneuerer seines Volkes Israel. Das Erlöschen des prophetischen Geistes in Israel und damit die Gefährdung der Heilssendung des auserwählten Volkes könnte die Dringlichkeit eines neuen göttlichen Eingreifens verständlich machen. 

Immer wieder hat es Versuche gegeben, das Erscheinen Jesu auch aus den besonderen politischen Bedingungen seiner Zeit abzuleiten. So hat man versucht, das Zeitalter des Kaisers Augustus (27. v. Chr. bis 14 n. Chr.) als günstige Voraussetzung für die Ankunft des eigentlichen Kaisers in der Geburt heranzuziehen. Aber so günstig war das „Friedensreich“ des Kaisers Augustus auch nicht, war es doch mit viel Blut, Schweiß und Tränen errichtet worden. 

Günstig für das Erscheinen Christi war der Zeitpunkt insofern, als die enorme Ausbreitung des Römischen Reiches eine gute Voraussetzung bildete, dass das Christentum sich so schnell in der damals bekannten Welt ausbreiten konnte. Aber daraus den notwendigen Zeitpunkt des Erscheinens Christi ableiten zu wollen hieße, die Tatsachen zu überfordern und zugleich Gottes Handeln von menschlichen Bedingungen politischer oder religiöser Art abhängig zu machen. Beides führt in eine Sackgasse. Warum so „spät“? Worte des Apostels Paulus können da eine Spur legen: „Denn da die Welt angesichts der Weisheit Gottes auf dem Weg ihrer Weisheit Gott nicht erkannte, beschloss Gott, alle, die glauben, durch die Torheit der Verkündigung zu retten“ (1. Kor 1,21ff). 

Mai 2015

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