Ratgeber - Theologie

Müssen wir Angst haben vor dem Islam?

Meine Stellungnahme zu dieser Frage in der Januar-Ausgabe der stadtgottes hatte besorgte Kommentare ausgelöst: Ich würde die Gefahr durch den Islam nicht ernst genug nehmen.

Mein Ausgangspunkt in der Auseinandersetzung mit anderen Religionen und Kulturen ist immer das, was Papst Johannes Paul II. in seiner ersten Enzyklika „Redemptor Hominum“ (Erlöser der Menschen, 1979) gesagt hat, wenn er von der christlichen Mission spricht: „Die missionarische Verhaltensweise beginnt immer mit einem Gefühl der Hochachtung vor dem, was ,in jedem Menschen ist‘, vor dem, was er selbst im Innersten seines Wesens schon erarbeitet hat bezüglich der tiefsten und bedeutendsten Probleme; es handelt sich um die Achtung vor allem, was der Geist in ihm gewirkt hat, der ,weht, wo er will‘.“ 

Die Spannung auszuhalten, den anderen in seiner Überzeugung zu respektieren und zugleich das Eigene entschieden und überzeugt zur Sprache zu bringen und dafür einzutreten, das ist christliche Mission. In diesem Dialog müssen dann allerdings auch die kritischen Punkte zur Sprache kommen. Einer der wesentlichen Punkte der gegenwärtigen Auseinandersetzung mit dem Islam ist die Rolle der Gewalt in der Religion. 

Zur Unterscheidung: Christliche Geschichte beginnt mit einer Geschichte von erlittener Gewalt, mit der Leidensgeschichte unseres Herrn Jesus Christus. Diese erlittene Gewalt gehört zu den Genen des Christentums; nicht Gewalt, die anderen zugefügt wird. Zugleich aber muss dazu gesagt werden, dass Christen sich bald auch der Gewalt schuldig gemacht haben. Bei Mohammed und der Entstehung und Verbreitung des Islam ist von frühester Zeit an Gewalt vorgesehen, wie sie sich dann vor allem im Dschihad, im Heiligen Krieg äußert. Grundsätzlich wird in einer bestimmten Interpretation der Dschihad verstanden als ein geistliches Bemühen um Reinigung des inneren Menschen für Gott; als geistlicher Kampf, ähnlich wie in der christlichen Tradition. Aber die Schriften kennen von den frühesten Anfängen an auch den äußeren Kampf, die Gewalt und den Kampf gegen die Ungläubigen, die Gott die Ehre verweigern. Dieser Dschihad ist das heutige Problem. 

Wie sehr diese Frage der Klärung bedarf, kann eine kompetente muslimische (!) Stimme deutlich machen, die genau diesen kritischen Punkt herausstellt: „Manche muslimische Apologeten (Verteidiger des Glaubens) und westliche Dialog-Amateure wollen uns jedoch glauben machen, dass Terrorismus nichts mit dem Islam zu tun habe. Dabei ignorieren und verleugnen sie jedoch die historischen Wurzeln der Gewalt im Islam“, so der islamische Theologe Abdel-Hakim Ourghi. 

Für die alltägliche Praxis muss weiter gelten: Einerseits Hochachtung vor die Religion und die konkreten Menschen (Papst Johannes Paul II.), die friedlich ihren Glauben praktizieren, andererseits kritische Anfragen und Infragestellung konkreter und mit unserem demokratischen Gesellschaftsverständnis nicht zu vereinbarender Religionspraxis. Mit einer simplen Trennung von Islam und Islamisten ist die Frage nur umgangen, aber nicht beantwortet.

Juni 2015

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Schreiben Sie Pater Michael Kreuzer

stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland

Oder schicken Sie eine Nachricht

Psychologin

Schwester Michaela Leifgen SSpS

Psychologin (Lic.), Psychologische Begleitung von Menschen im Dienst der Kirche

Rat in der Glaubenspraxis

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Theologischer Experte

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Theologischer Experte

Pater Thomas Heck

Bibliolog- und Bibliodramaleiter, Seelsorger für Cursillo, tätig in der Erwachsenenbildung und seelsorglicher Begleitung

Rat in der Pastoralpsychologie

Pater Peter Claver Narh

Doktor der Pastoralpsychologie und Experte für Supervision und Beratung Begleiter der Neumissionare in der deutschen Provinz

Rat in der Lebens- und Familienberatung

Schwester Dorothee Laufenberg

Theologin, Juristin und Mediatorin Heilpraktikerin für Psychotherapie Coach für Stress und Burnout-Prävention