Ratgeber - Theologischer Experte

Muss ein gläubiger Christ vor dem Tod Angst haben?

Muss ich als gläubiger Christ eigentlich Angst haben vor dem Tod? Oder darf ich mit Freude und Zuversicht dem Tod entgegengehen?

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute … sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihrem Herzen seinen Widerhall fände“ (II. Vatikan. Konzil, Kirche in der Welt von heute 1). 

Diese geradezu klassisch gewordenen Worte des Konzils gelten auch für die Frage nach dem Tod. Vor dem Tod sind alle Menschen gleich, und auch der Glaube enthebt uns nicht sofort in eine andere Sphäre, sodass die Frage nach Angst vor oder Freude auf für uns keine Frage mehr wäre. Abgesehen davon, dass viele Menschen heute eher Angst vor dem haben, was vor dem Tod kommen kann – wie ein schmerzvolles sich hinziehendes Sterben in totaler Abhängigkeit. Freude auf den Tod, wenn denn über- haupt, würde sich christlich gesehen doch eher auf das beziehen, was nach dem Tod kommen wird: die endgültige Begegnung mit Gott im ewigen Leben. 

In dieser Begegnung kommt zugleich heraus, „was im Menschen ist“ (Joh 2,25), seine Lebenswahrheit. Die Bibel spricht hier vom Gericht, vor dem sich der Mensch verantworten muss. Die Gleichheit aller Menschen vor dem Gericht Gottes ist ein Gegenbild zu einer Welt, in der die Großen und Bösen oftmals ungeschoren davonkommen, zum Schaden der Kleinen und Guten. So ist das Gericht zutiefst ein humaner Akt, der Gerechtigkeit schafft: Die Bösen werden nicht in Ewigkeit über die Opfer triumphieren, und den Opfern wird Gerechtigkeit verschafft.

So verbietet die Botschaft vom Gericht uns zugleich, von vornherein mit einer Versöhnung und Ent- sühnung für alle und für alles zu rechnen, was Menschen tun oder unterlassen, wie Menschen einander im Stich lassen oder wie sie füreinander einstehen (Glaubens- bekenntnis Unsere Hoffnung, Würzburger Synode 1976). Diese endgültige göttliche Gerechtigkeit ist zugleich die herausfordernde Verpflichtung, sich schon auf dieser Erde für Gerechtigkeit, besonders für die Kleinen und Schwachen einzusetzen. Damit sollen und dürfen keine Gerichtsängste geschürt werden, aber Nachdenklichkeit und Ernsthaftigkeit sind der Frage nach dem Tod sicherlich angemessen.

Der Mensch hat vor Gericht einen guten Anwalt: Jesus

Für den Glaubenden, der sich mit seiner menschlichen Sündigkeit herumschlägt, ist es ein großer Trost zu wissen, dass er in diesem Gericht einen guten Anwalt hat, nämlich Jesus, der für uns beim Vater eintritt: „denn er lebt allezeit, um für sie (die Menschen) beim Vater einzutreten“ (Heb 7,25). Zudem wissen wir heute doch mehr über die psychischen und sozialen Verstrickungen, denen Menschen ausgesetzt sind und die bei der moralischen Bewertung eines Lebens und seiner Taten zu berücksichtigen sind. 

Therese von Lisieux kommentiert diesen Umstand so: „Er denkt daran, wir sind nur Staub. Wie ein Vater seine Kinder liebt, so erbarmt sich der Herr über uns“ (Brief vom 9. 5. 1897). So ist der letzte Grund, mit Zuversicht und Freude dem Tod entgegenzugehen, doch wohl Gott selbst in seiner Liebe und Barm- herzigkeit. Hier wird deutlich, dass die Frage nach der Einstellung zum Tod viel mit dem Gottesbild zu tun hat. Freude und Zuversicht, weil ich Gott glaube, dass er so ist, wie Jesus es uns in seiner Verkündigung gesagt hat: Barmherzigkeit, die jedes menschliche Begreifen überschreitet. 

Ein Wort von Mozart kann wegweisend sein für den Umgang mit dem Tod. Im Alter von ungefähr 30 Jahren schreibt er: „Da der Tod das wahre Ziel unseres Lebens ist, so habe ich mich seit ein paar Jahren mit diesem wahren und besten Freund des Menschen so vertraut gemacht, dass sein Bild nicht allein nichts Schreckendes mehr für mich hat, sondern recht viel Beruhigendes und Tröstendes! … und ihn so als den Schlüssel zu unserer wahren Glückseligkeit kennenzulernen. Ich lege mich nie zu Bette, ohne zu bedenken, dass ich vielleicht, so jung ich bin, den andern Tag nicht mehr sein werde. Und es wird doch kein Mensch sagen können, dass ich mürrisch und traurig wäre. Für diese Glückseligkeit danke ich alle Tage meinem Schöpfer und wünsche sie von Herzen jedem meiner Mitmenschen“ (Brief an seinen Vater, 4. 4. 1787).

November 2015

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