Ratgeber - Theologie

Tilgt die Taufe die Erbsünde?

Ist es heute noch üblich, von Erbsünde zu reden, die durch das Sakrament der Taufe getilgt wird? Was versteht man unter Erbsünde? Ist es ein Zustand, eine Tat oder was?

Die Heilige Schrift kennt den Ausdruck in dieser Form nicht. Über eine „Sünde der ersten Menschen“, ein Ausdruck, der in der kirchlichen Sprache immer wieder verwendet wurde und noch verwendet wird, wissen wir gar nichts, weil wir über „erste Menschen“ nichts wissen. Es ist heute ein biblischer Allgemeinplatz, dass die Anfangsgeschichten (Gen 1–11) keine Fakten berichten, sondern „Deutegeschichten“ sind: Sie wollen den Zustand der Menschheit deuten als etwas, das wohl zum Wesen des Menschen gehört, mit dem sich der Mensch von Anfang an herumgeschlagen hat, nämlich der Anfälligkeit für das Böse und den Missbrauch seiner Freiheit zum Schaden anderer und seiner selbst. Diese Anfälligkeit, Neigung des Menschen zum Bösen wird in der Theologie Erb- oder Ursünde genannt. Um es aber klar zu sagen: Die Erbsünde wird weder vererbt, etwa durch die sexuelle Lust beim Zeugungsakt, noch ist sie Sünde im eigentlichen Sinne des Wortes, denn sie liegt der freien Entscheidung des Einzelnen voraus. Die Nichtbeachtung dieser beiden Aspekte hat in der Glaubensgeschichte oftmals zu einer generellen Verdächtigung von Sexualität und zu einer einseitig negativen Sicht des Menschen als Sünder geführt. Diese Sicht des Menschen gibt aber nicht das ursprünglich christliche Menschenbild wieder, wie es die Liturgie der Kirche im Tagesgebet des 1. Weihnachtstages widerspiegelt: „Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt.“ Hier wird der Mensch in seiner Würde vor Gott dargestellt, jener Würde, die im Geschaffen- und Erlöstsein durch Gottes Liebe begründet ist. Erst wenn der Mensch sich im Glauben dieser Liebe sicher sein darf, kann er sich auch seiner dunklen Seite, das heißt seiner Anfälligkeit für die Sünde stellen, ohne verzweifeln zu müssen, aber auch ohne verdrängen zu müssen. In der Taufe wird dem Menschen die Liebe Gottes geradezu auf den Leib geschrieben. Er ist nicht mehr der Neigung zum Bösen, der Erbsünde, hilflos, geradezu schicksalhaft, ausgeliefert. Die Taufgnade kann man als den Vorschuss Gottes bezeichnen, den der Mensch für seine Auseinandersetzung mit dem Bösen bekommt. Er darf Gott auf und an seiner Seite wissen, und so kann er sich vertrauend und mutig dem Leben stellen. Davon muss man auch heute noch reden.

Mai 2017

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