Ratgeber - Theologie

Wann beginnt das ewige Leben?

Zum ewigen Leben gibt es in der Heiligen Schrift zwei verschiedene Auslegungen. Nach Johannes 5,24 heißt es: Wer auf mein Wort hört ... hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht, sondern er ist aus dem Tod hinübergeschritten ins Leben. Laut Matthäus 25,31-46 heißt es, dass Jesus beim Jüngsten Gericht die Gerechten und Ungerechten trennen wird. Wenn ich den Worten Johannes‘ glaube, werde ich von Gott nach dem Tod ins ewige Leben berufen, wenn ich auf Gottes Wort hörte und an ihn glaubte. Ich muss also nicht bis zum Jüngsten Gericht warten. Wozu wird es ein Jüngstes Gericht geben, wenn Gott doch laut Johannes schon bei unserem Tod entschieden hat, wem das ewige Leben geschenkt wird?

Nach jüdischer Überlieferung sind Auferweckung und Gericht ein Geschehen am Ende der Geschichte. Diese Vorstellung wird von der Urkirche übernommen (vgl. Mk 13; Lk 17,20- 37; 21; 1 Thess 4,13-18; 1 Kor 15,35- 58). Auch im Johannes-Evangelium findet sich dieselbe Vorstellung von der Totenerweckung „am Letzten Tag“ und dem folgenden Gericht (vgl. Joh 5,28f; 6,39-54).

Daneben aber – und sogar hauptsächlich – finden sich im Joh-Ev Aussagen der sogenannten „präsentischen Eschatologie“: Die Ereignisse der Endzeit (Eschatologie = Lehre von den „Letzten Dingen“: Totenerweckung und Gericht) geschehen JETZT. In dieser für Johannes typischen Sicht ereignet sich der entscheidende Übergang vom Tod zum Leben im Zum-Glauben- Finden an Jesus Christus. Damit ergibt sich eine Bedeutungsverschiebung: Unter „Tod“ wird nicht der physische Tod verstanden, sondern der spirituelle Tod, der Unglaube. Unter „ewiges Leben“ wird nicht das jenseitige Leben nach dem Tod verstanden, sondern das spirituelle Leben im Glauben schon auf Erden. Unter „Auferweckung“ wird das „Zu-Christus-Finden“ verstanden. Der entscheidende Wendepunkt ist vorverlegt. Das „Jüngste Gericht“ vollzieht sich im Moment der Ent-Scheidung zwischen „Im-Unglauben- Verharren“ und „Zum-Glauben- Kommen“, in der persönlichen „Stellung-Nahme“ zu Jesus Christus. Das „Jüngste Gericht“ ist im Grunde ein Selbstgericht hier und jetzt.

Ich finde diese „präsentische Eschatologie“ sehr gut, sehr treffend. Sie kann uns vor allem lehren, dass das „ewige Leben“ im Diesseits beginnt und dass wir das „Jüngste Gericht“ nicht zu fürchten brauchen. Wir sollten aber bedenken, dass im Joh-Ev beide Vorstellungen problemlos nebeneinanderstehen: Nach 5,24 kommt 5,28f (die andere Vorstellung)! Denn es ist ja nicht so, dass wir – solange wir auf Erden weilen – mit Sicherheit „in Christus“ bleiben. Und es ist ja auch nicht so, dass jemand, der den christlichen Glauben nicht annimmt, mit Sicherheit der ewigen Verdammnis anheimfällt.

Im Grunde entscheiden sich „die Letzten Dinge“ am selben: Nehme ich Gottes Liebe an oder schlage ich sie aus?

Mai 2020

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