Ratgeber - Theologie

War Adam gar nicht der erste Mensch?

Hat Gott schon zur Zeit der ersten Menschen andere Menschen erschaffen? Im Buch Genesis (Gen 4,16 f) heißt es: „Da ging Kain vom Herrn weg und ließ sich im Lande Nod nieder, östlich von Eden. Kain erkannte seine Frau ...“ Woher kam Kains Frau? Gab es schon vor Adam und Eva andere Völker?

Ja, es gab schon andere Völker „vor Adam und Eva“. Oder anders gesagt: Adam und Eva hat es als geschichtliche Persönlichkeiten überhaupt nicht gegeben. Die ersten elf Kapitel der Bibel im Buch Genesis erzählen Geschichten, aber keine Geschichte im Sinn einer modernen Geschichtsschreibung, wo es auf genaue Fakten und Daten ankommt.  An dieser Frage kann wieder einmal deutlich gemacht werden, wie mit biblischen Texten umzugehen ist und wie sie wirklich zu verstehen sind. Hier hat sich im Bereich der Bibelwissenschaften in den letzten 100 Jahren enorm viel getan. Eine der wichtigsten Erkenntnisse ist, dass wir es in der Bibel mit sehr unterschiedlichen schriftstellerischen „Gattungen“ zu tun haben: erzählenden Berichten, poetischen Gedichten, theologischen Reflexionen, Erbauungstexten und bisweilen historischen Dokumenten. 

Für unsere Frage heißt das, dass bestimmte Texte bewusst nicht wörtlich zu nehmen sind, weil sie keine konkrete, genaue historische Aussage machen wollen, sondern eine Glaubensaussage, die sie dann in „Geschichten“ kleiden. Eine solche Geschichte ist zum Beispiel das Buch Jona. Der Glaubensgegenstand ist nicht, ob ein Mensch im Bauch eines Fisches überleben kann, sondern dass Gott immer noch größer ist als das, was Menschen, auch und gerade fromme Menschen wie Jona, von Gott denken. Auch die „Geschichten“ von Adam und Eva gehören zu dieser Gattung. Das eine Elternpaar und seine Nachkommen stehen symbolisch für den Anfang der Menschheit schlechthin, und sie wollen sagen: So war es „am Anfang“ und so wird es immer wieder sein. Was andere Wissenschaften an Fakten liefern, wird von der Bibel nach seinem Sinn befragt.

Die Urgeschichte (Gen 1–5) will uns also keine konkreten geschichtlichen Tatsachen berichten (so ist es genau verlaufen), sondern sie will anhand der „Geschichten“ die Glaubenstatsache verdeutlichen, dass der Mensch nicht ein Zufallsprodukt der Evolution ist, sondern dass er von Gott gewollt ist, dass die Welt gut geschaffen ist, aber dass das Böse und das Übel von Anfang an für den Menschen eine Herausforderung ist. Zu den naturwissenschaftlichen und geschichtlichen Fragen, wie menschliches Leben entstanden ist, sagt die Bibel nichts, weil sie diese Fragen nicht kannte. Darum kann man die Bibel auch nicht zu diesen Fragen ins Feld führen, wie es immer noch einige Leute tun. In Amerika meinen die „Kreationisten“ immer noch, der ganze Kosmos und vor allen Dingen die Menschen seien mit Berufung auf die Bibel auf wundersame Weise in sieben Tagen entstanden. Das ist schlichtweg Unsinn. 

Die wissenschaftliche Methode, mit den Texten der Bibel entsprechend umzugehen, nennt sich historisch-kritische Methode. Sie ist ein unersetzbares Werkzeug, will man die biblischen Texte angemessen verstehen und nicht etwas aus ihnen herauslesen, was sie gar nicht sagen konnten und wollten. Ein solcher kritischer Umgang mit dem Koran steht für den Islam immer noch an. Die biblischen Aussagen stoßen sich nur dann mit der Naturwissenschaft, solange man nicht um die Eigenart biblischer Texte weiß. Zugleich ist der Naturwissenschaft zu sagen, dass sie über Glaubensdinge nichts sagen kann, höchstens, dass sie dafür nicht zuständig ist. Aber nicht beantwortet.

Juli 2015

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