Ratgeber - Theologischer Experte

Warum beten wir "meine große Schuld"?

Ist es nötig, jedesmal zu Beginn der heiligen Messe das Schuldbekenntnis zu beten mit dem Eingeständnis meiner „großen Schuld“ ?

Nein, das ist wirklich nicht nötig. Schon die normale liturgische Ordnung sieht verschiedene Formen des Schuldbekenntnisses vor, in denen die „große Schuld“ nicht vorkommt. An großen Festtagen darf man ganz darauf verzichten. Auch ist das Kyrie von seiner Anlage her nicht darauf angelegt, eine Bitte um Vergebung zu sein, sondern eher eine feierliche Begrüßung des Kyrios, des Herrn, in unserer Mitte.
In der Frage nach dem Schuldbekenntnis zu Beginn der Eucharistiefeier ist aber ein grundsätzliches Problem angesprochen. Die zu starke Betonung der Sündigkeit des Menschen zu Beginn der Feier kann den Eindruck hervorrufen, die Sünde sei die erste Grundbefindlichkeit des Menschen vor Gott. 

Doch: Die erste Befindlichkeit des Menschen vor Gott ist die Wirklichkeit, Gottes geliebtes Kind zu sein. Wenn Jesus zur Bekehrung aufruft, dann verkündet er zuerst die Nähe Gottes und seines Reiches (Mk 1,15). Die Umkehr besteht in erster Linie im Glauben an das Evangelium von der Nähe Gottes. Es geht um eine Glaubensbekehrung: Glaubt, dass ihr Geliebte Gottes seid, und darum ändert euer Leben. Diese Zusage der Liebe Gottes ist das erste Wort, das zu sagen ist.

Wenn das klar ist, kann sich der Mensch ehrlich und nüchtern mit seiner Sündhaftigkeit auseinandersetzen. Eine übertriebene Sündenpredigt hat in der Geschichte der Kirche und der Spiritualität viel Unheil angerichtet, sei es in der Vergangenheit in Form eines stark moralisierten Christentums mit Auswirkungen bis hin zu Skrupulosität oder eben zu einem „Unschuldswahn“, der sich von dieser moralischen Bedrückung zu befreien sucht, aber dann seiner Verantwortung für das eigene Handeln nicht mehr gerecht wird.

Von daher: Die „große Schuld“ ist nicht das Erste in der Verkündigung und auch nicht in der Liturgie. Deshalb ist angemessen und klug mit den verschiedenen liturgischen Möglichkeiten umzugehen. Eine zu selbstverständliche Rede von der „großen Schuld“ im alltäglichen Leben der Glaubenden kann diese Rede auf die Dauer zu einer leeren Formel werden lassen, und damit ist niemandem gedient. Wer der Liebe glaubt, kann sich ehrlich der Wahrheit stellen, auch der nicht schönen Wahrheit seines Lebens, der Sünde. Hier gilt dann ohne Abstrich das Wort aus dem 1. Johannesbrief: „Wenn das Herz uns auch verurteilt, Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles (1 Joh 3,20).“

September 2015

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Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

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