Ratgeber - Theologischer Experte

Wegen der Gnade schuldig werden?

Gott kann auch auf krummen Zeilen gerade schreiben.“ Heißt das nicht auch, dass wir Menschen manchmal schuldig werden müssen — damit dann Gutes daraus entstehen kann?

Wenn man sich die konkrete Realität des Lebens anschaut: Niemand kommt durchs Leben, ohne schuldig zu werden. Erst recht nicht, wenn man bedenkt, was Menschen einander schuldig bleiben aus reiner Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit. Aber zugleich ist die Erfahrung der Schuld Hinweis darauf, dass der Mensch ein begrenztes Wesen ist, dass er nicht perfekt ist und es nie werden wird. So kann Schulderfahrung zugleich ein Weg sein, sich mit seiner geschöpflichen Begrenztheit zu versöhnen und sich von allen Perfektions- träumen zu verabschieden. Perfektion, so sehr sie uns heute gerade im technischen Bereich abverlangt wird, passt nicht zum Wesen des Menschen. 

Diese geschöpfliche Begrenztheit findet in der Schulderfahrung einen eigenen Ausdruck. Christlich gesehen aber ist jede Schulderfahrung immer schon umgriffen vom glaubenden Wissen um die immer größere Liebe Gottes. Der Johannesbrief hat das unüberbietbar ausgedrückt mit den Worten: „Denn das Herz uns auch verurteilt, Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles.“ (1 Joh 3,20). Ganz markant besingt es die Kirche in der Osternacht im „Exsultet“, dem überbordenden Lobpreis auf Gottes wunderbares Wirken auf den so verschlungenen Wegen des Volkes Israel und der ganzen Menschheit. Dort heißt es: „O wahrhaft heilbringende Sünde des Adam, du wurdest uns zum Segen, da Christi Tod dich vernichtet hat. O glückliche Schuld – felix culpa –, welch großen Erlöser hast du gefunden.“

Dieses Gebet drückt aus, dass Sünde und Schuld durch Gott zu einem noch größeren Segen verwandelt wurden. Eine so herausragende Gestalt wie der Apostel Petrus ist in der Verleugnung seines Herrn doch das beste Beispiel dafür. Und ob Jesus uns das Gleichnis vom verlorenen Sohn und barmherzigen Vater deswegen erzählt hat, um dieses Dilemma in Worte zu bringen: Für den verlorenen Sohn war seine Schuld der Ort, wo er Gott entdeckte. Für den Daheimgebliebenen bleibt offen, ob er wirklich zur Begegnung und Entde-ckung des barmherzigen Vaters findet. Es kann sein, dass die Erfahrung von Schuld für ihn der einzige Weg bleibt, von seiner Überheblichkeit und Selbstgerechtigkeit befreit zu werden. 

Das darf natürlich nicht zu einem Freibrief für ein ungeordnetes Leben führen nach dem Motto: „Das gehört nun mal zum Leben dazu.“ Wir müssen uns mit allen Kräften bemühen, das Gute zu tun und nicht zu sündigen, aber wir werden die Erfahrung machen, dass uns das nicht immer gelingt und wir bisweilen auch schwer versagen. Und manchmal kann es für einen Menschen wirklich nötig sein, dass er versagt, um so von seinem Stolz und seiner Überheblichkeit befreit zu werden und zu entdecken, was es heißt, dass Gott wirklich ein barmherziger Vater ist. 

„Felix culpa“ – kein allgemeines Prinzip, mit dem wir alles erklären und damit letztlich entschuldigen können, wohl aber eine Erfahrung, dass Gott alles zum Guten wenden kann: „Wo die Sünde mächtig wurde, da wurde die Gnade übergroß.“ (Röm 5,20). Und Paulus wusste, wovon er sprach: Er sprach von sich selbst, seiner eigenen Sünden- und Gnadengeschichte. So bringt das „Schuldig-werden-müssen“ zutiefst ein Dilemma zwischen moralischem Anspruch, sittlichem Bemühen und und bisweilen tragischem Scheitern zum Ausdruck. Lebens- und Glaubensweisheit wissen um beide Seiten, und der Weg führt mitten zwischen beiden Seiten hindurch in einem hoffenden Vertrauen, dass Gott – letztlich – aus allem etwas Gutes machen kann. 

April 2014

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Schreiben Sie Pater Michael Kreuzer

stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland

Oder schicken Sie eine Nachricht

Psychologin

Schwester Michaela Leifgen SSpS

Psychologin (Lic.), Psychologische Begleitung von Menschen im Dienst der Kirche

Rat in der Glaubenspraxis

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Theologischer Experte

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Theologischer Experte

Pater Thomas Heck

Bibliolog- und Bibliodramaleiter, Seelsorger für Cursillo, tätig in der Erwachsenenbildung und seelsorglicher Begleitung