Ratgeber - Theologischer Experte

Wirken regelmäßige Gebete besser?

Ich habe gehört, dass bei bestimmten Gebeten, die man täglich oder neun Tage hintereinander halten soll, die Erfüllung der Bitten sicher sein soll. Was halten Sie davon?

Um es ganz klar zu sagen: Nichts! Solche Erfüllungsautomatismen widersprechen eindeutig dem Wesen des Gebets, auch wenn solche „Verheißungen“ mit geradezu göttlicher Autorität in irgendwelchen Visionen zur Sprache kommen. Im Gebet geht es darum, sich auf die Gegenwart Gottes in unserem Leben einzulassen und ihr Raum und Zeit in unserem Leben zu schenken. Von daher liegt es nahe, dass auch der Rhythmus des Tages vom Gebet geprägt sein sollte. Morgen-, Abend- und Tischgebet haben hier eine wesentliche Begründung. 

Der Brauch der Neun-Tage-Andacht als „Novene“ hat sich im Mittelalter entwickelt und erfuhr in der Barockzeit eine besondere Blüte. Vorbild für diese Gebetsform war der Bericht in der Apos- telgeschichte, wo die junge Gemeinde nach der Himmelfahrt Christi den Geist betend erwartete (Apg 1,14), wobei die genaue Zahl der neun Tage biblisch nicht erwähnt wird, sondern sich aus dem Zeitraum zwischen Himmelfahrt und Pfingsten ergab. Die Novene ist eine neuntägige Andacht, in der es darum geht, sich unter Anrufung eines Heiligen etwas zu erbitten oder sich auf ein großes Fest (Pfingsten, Weihnachten, Patrozinium etc.) vorzubereiten. Solche Formen des Betens wollen uns für den Empfang der Gabe Gottes bereiten, wie auch immer sie aussehen mag. 

Sobald sich aber ein Denken breit-macht, das Gebeten eine besondere Wirkmacht zuschreibt, bewegen wir uns in Richtung Magie und Aberglaube. So sehr es im Gebet um die ganz alltäglichen kleinen und großen Nöte gehen darf und soll, so kann doch die Erfüllung der Bitten nach unserem Sinn nicht das letzte Kriterium für die Sinnhaftigkeit des Gebetes sein. Die Erfüllung im Gebet ist die Begegnung mit Gott selbst, die sich vor allen Dingen auch darin zeigt, dass der Mensch überhaupt beten kann. 

Hier wird deutlich, dass Gebet wesentlich ein Beziehungsgeschehen ist. So sehr es in einer Beziehung um ein Geben und Nehmen geht, so wenig darf dieses Geben und Nehmen alleiniges Kriterium der Beziehung werden. In einer Beziehung, vor allen Dingen wenn es um Freundschaft und Liebe geht, erleben die Partner ihre Beziehung selbst als etwas Kostbares, erleben sie sich gegenseitig als wertvoll, egal, was bei dieser Beziehung „herauskommt“. Jedes Verzwecken des Partners für eigene Ziele widerspricht dem Wesen einer echt menschlichen Beziehung. Das gilt genauso für das Gebet als Beziehungsgeschehen. Solchem Gebet, das Gott nicht für noch so heilige Ziele verzweckt, sondern sich immer dessen bewusst bleibt, dass Gott bei aller Offenbarung das immer noch größere Geheimnis bleibt, ist die Erfüllung als Begegnung mit Gott gewiss.

Januar 2014

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Schreiben Sie Pater Michael Kreuzer

stadtgottes, Ratgeber
Postfach 24 60
41311 Nettetal, Deutschland

Oder schicken Sie eine Nachricht

Psychologin

Schwester Michaela Leifgen SSpS

Psychologin (Lic.), Psychologische Begleitung von Menschen im Dienst der Kirche

Rat in der Glaubenspraxis

Pater Fabian Conrad

Bibelwissenschaftler, Seelsorger, Schulrektor des Arnold-Janssen-Gymnasiums in St. Wendel, Missionssekretär der Deutschen Provinz

Theologischer Experte

Pater Michael Kreuzer SVD

Magister der Theologie, war die letzten Jahre als Kaplan in Wien tätig, derzeit in der Bibelpastoral und als seelsorglicher Begleiter

Theologischer Experte

Pater Thomas Heck

Bibliolog- und Bibliodramaleiter, Seelsorger für Cursillo, tätig in der Erwachsenenbildung und seelsorglicher Begleitung